Anlaufstelle für alle Fälle

Am Hauptbahnhof hat die Bahnhofsmission hat zwei zusätzliche Stellen geschaffen und bietet seitdem noch mehr Hilfsangebote für Reisende.

Seit mehr als 100 Jahren kümmern sich Mitarbeiter der Stuttgarter Bahnhofsmission um die großen und kleinen Probleme von Reisenden. Mit den Arbeiten am neuen Tiefbahnhof und dem Umbau der Bahnsteige ist der Bedarf an Hilfsangeboten gestiegen, weshalb die Bahnhofsmission nun zwei zusätzliche Stellen geschaffen hat. Ins Fitnessstudio müssen die beiden neuen Helferinnen seither nicht mehr, wie Sarah Heinrich scherzt. „Wir legen jeden Tag locker zehn Kilometer zurück“, erzählt sie. Die Sozialpädagogin ist zusammen mit ihrer Kollegin Heide Abendschein für alles zuständig, was durch die Bahnhofsbaustellen in den nächsten Jahren an zusätzlicher Arbeit anfällt. „Wir haben spürbar mehr Anfragen, seit die Wege im Bahnhof etwas länger geworden sind“, sagt sie.

Für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, hat die Bahnhofsmission jüngst zwei schneeweiße Elektrobuggys angeschafft. Die Fahrhilfen, bisher einmalig an den deutschen Bahnhöfen, sind bei den etwa 240.000 Menschen, die sich tagtäglich durch den Stuttgarter Hauptbahnhof bewegen, regelmäßig in Gebrauch.

Mehr als 40.000 Kontakte zu Hilfesuchenden und ein Vielfaches an Hilfeleistungen laufen in der Stuttgarter Bahnhofsmission laut der Leiterin Renate Beigert pro Jahr auf. Im Zuge der Umbauarbeiten rechnen die Helfer mit einer deutlichen Zunahme. 190.000 Euro lassen sich die beiden großen Amtskirchen als Träger der Bahnhofsmission die zusätzlichen Stellen kosten. „Der Dienst wird dringend gebraucht“, so der Katholische Stadtdekan Christian Hermes.

Früher arbeitete Heide Abendschein in der Verwaltung des Landesflughafens und bei der Post, heute hilft sie mit ihrer Kollegin orientierungslosen und hilfebedürftigen Reisenden, die sie regelmäßig auf ihren Rundgängen trifft. Gleichzeitig kümmern sich die Beiden zunehmend um Menschen, die auf den Stuttgart-21-Baustellen arbeiten oder hier einen Job suchen. „Die Erfahrung zeigt, dass Großbaustellen immer auch Arbeitsmigranten aus vielen Ländern anziehen“, sagt die Sozialpädagogin Sarah Heinrich, die an der Fachhochschule Koblenz studiert hat.

Als Baustellenbetreuerin tauscht sie ihre blaue Arbeitsjacke mit dem charakteristischen Kreuz gegen eine orangefarbene Sicherheitsweste, die sie zusammen mit einem blauen Schutzhelm auf den Baustellen tragen muss. Sicherheitsvorschrift. Die vergangenen Monate hat sie sich bei den Arbeitern als „Anlaufstelle für alle Fälle“ bekannt gemacht. „Die Arbeiter sollen Vertrauen haben und dann auf uns zukommen, wenn sie ein Problem haben“, sagt sie.

Neue Station der Bahnhofsmission

Dass kein Tag wie der andere ist, mag sie besonders an ihrer Arbeit. Zu ihrem Alltag gehören auch ganz normale Auskünfte wie Wegbeschreibungen oder die Frage nach dem nächsten Örtchen. Die neuen Wege durch den Hauptbahnhof haben sich längst eingeprägt auf ihrer inneren Landkarte, auf der sie aber immer wieder neue Punkte einzeichnen muss.

So ist auch die Bahnhofsmission selbst betroffen von den Arbeiten am neuen Tiefbahnhof. Die bisherige Station, die von der katholischen und evangelischen Kirche schon seit 1902 betrieben wird, ist mit allen elf hauptamtlichen Mitarbeitern in sechs bahnhofsmissionsblaue Container gezogen. Der neue Arbeitsplatz von Heide Abendschein und Sarah Heinrich befindet sich nun an Gleis 16, direkt neben der neuen Fußgängerrampe, die barrierefrei hinunter in den Stuttgarter Schlossgarten führt. Über den Umzug freuen sich die beiden Helferinnen nicht nur wegen der kürzeren Wege zu den Bahnsteigen, so die Sozialpädagogin Sarah Heinrich, deren Büro in der oberen Containeretage liegt: „Von hier aus haben wir besten Ausblick über das Treiben im Bahnhof.“