Zeitreise: Der Dresdner Einkaufsbahnhof –
Bühne der Freiheit

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  • Autor: Redaktion
  • Fotos: iStock -ShevchenkoAndrey

Nur wenige Tage vor der Grenzöffnung zwischen DDR und BRD, am 30. September 1989, fuhren aus Prag insgesamt 14 Züge mit deutschen Flüchtlingen gen Westen – mit Halt am Dresdner Hauptbahnhof. Da witterten Tausende von DDR-Bürgern ihre Chance auf eine Reise in die Freiheit.

Der Dresdner Einkaufsbahnhof ist nicht nur Ankunfts- und Abfahrtsort, nicht nur ein Ort zum Shoppen, Ausstellungsgelände oder Konzerthalle – er ist heute alles zusammen: ein Knotenpunkt für Reisende, Touristen, Pendler und lokale Anwohner. Und sie alle tun, gehen und fahren, was und wohin sie wollen.

Das war nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Am 30. September 1989 kämpften sich an diesem Ort noch Tausende Menschen zum Abfahrtsgleis vor, um einen Zug zu erwischen. Der Dresdner Hauptbahnhof wurde an diesem Tag zu einer historischen Bühne, auf der es um nichts geringeres als Freiheit ging – inmitten des DDR-Regimes. Um zu verstehen, was an diesem Samstag vor mehr als 20 Jahren geschah, spulen wir einige Stunden zurück.

Szenenwechsel: Balkon der deutschen Botschaft in Prag, Tschechische Republik

Es ist genau 18.58, als der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, einen der berühmtesten Sätze der Weltgeschichte zu seinem gespannten Publikum spricht:

„Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“

Genschers Zuhörer jubeln und hören, was sie hören wollen: Mit diesem Halbsatz öffnet sich für sie die Grenze zur Bundesrepublik Deutschland. Etwa 5.000 DDR-Flüchtlinge, die bereits seit Tagen vor der Prager Botschaft campieren, dürfen nach Westdeutschland reisen. Gegen 20:50 Uhr setzt sich der erste dieser 14 sogenannten Freiheitszüge Richtung Westen in Bewegung. Doch die Gleise in die Freiheit führen durch die DDR. Die Insassen sollen noch ein letztes Mal durch den Staat fahren, dem sie entkommen wollen. Der Halt, den sie in Dresden machen, verläuft nicht nach Plan.

Szenenwechsel: Dresdner Hauptbahnhof, Deutsche Demokratische Republik

Hier, im Dresdner Hauptbahnhof, kapitulieren der DDR-Staat und seine Instrumente wenige Stunden später vor der Übermacht des Freiheitsdrangs. Das tosende Jubelgeschrei in Prag hallt noch nach und schon hat sich im Osten herumgesprochen, dass die Freiheitszüge in Dresden halten. Gleichzeitig wächst bei manchen DDR-Bürgern die Hoffnung, auch nach Westdeutschland zu gelangen. Denn es spricht sich etwas herum: Menschen, die auf den Zug aufspringen, dürfen nicht gestoppt werden.

An diesem und den weiteren Tagen drängen sich deshalb Tausende Fluchtwillige auf die Bahnsteige und versuchen mit allen Mitteln, ihren Freischein in die Bundesrepublik einzulösen. Und am Ende bekommen sie ihn. Am 3. Oktober 1989 wird den Stasi-Einsatzkräften die Macht genommen. Die DDR ist nun auch am Dresdner Hauptbahnhof Geschichte.

Szenenwechsel: Dresdner Einkaufsbahnhof, im Jahr 2020

Das Bild des Dresdner Hauptbahnhofs ist heute ein anderes. Der Einkaufbahnhof ist heute „wie ein guter Wein: zum Genießen“ da. Mit diesen Worten kürte die Jury der Allianz pro Schiene den Dresdner Einkaufsbahnhof zum „Großstadtbahnhof des Jahres 2014“.

Zwar hallt auf ewig deutsche Geschichte durch seine Hallen, die Gegenwart hat mittlerweile aber vor allem eines gebracht: Mitarbeiter, Pendler, Reisende und lokale Bewohner genießen hier mittlerweile tagein tagaus ihre uneingeschränkte Freiheit. Sie probieren in der „Kexerei“ eigens hergestelltes Dresdner Gebäck, schnuppern etwas Hofatmosphäre bei einem Einkauf im Bioladen „Vorwerk Podemus“ oder warten unter der Glaskuppel der lichtdurchfluteten Empfangshalle auf ihren nächsten Zug in alle denkbaren Richtungen.

1 / 1Shoppen und Flanieren: Heute erinnert im Einkaufsbahnhof Dresden nichts mehr an die turbulenten Ereignisse von vor über 30 Jahren./© David Wischerhoff
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