Wladimir Kaminer über Bahnhöfe und Charakterzüge

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  • Autor: Wladimir Kaminer
  • Fotos: Philipp Seidel

Der Bestsellerautor schreibt in seiner Gastkolumne über türkische Italiener, Döner-Jongleurinnen, 90er-Jahre-Tätowierungen, das beste Fischbrötchen und die Weisheit Gorbatschows.

Der Bahnhof ist das Gesicht jeder Stadt: Wenn am Bahnhof nichts los ist, wird es auch in der Stadt nicht brummen, so viel ist sicher. Als lesereisender Schriftsteller verbringe ich viel Zeit an deutschen Bahnhöfen, ich habe fast alle meine Bücher in Zügen geschrieben, auf langen Fahrten von München nach Kiel oder vom Schwarzwald nach Hannover.

Am Kölner Bahnhof ist immer Karneval

Meine Lieblingsbahnhöfe sind in Köln, Hamburg, Bremen und Berlin. Am Kölner Bahnhof ist immer Karneval, er sieht aus wie die Zwischenstation einer großen Völkerwanderung, es befinden sich dort viele Reisende, die es nicht eilig haben. Sie stehen herum oder sitzen mit gleichgültigen Mienen auf ihrem Gepäck, als wäre ihr Zug schon lange abgefahren. Sie suchen einen neuen, lassen sich jedoch bei der Suche Zeit. Meine Lieblingsecke in diesem Bahnhof ist die kleine italienische Cafeteria mit einem Türken hinterm Tresen, der im Laden den Italiener gibt. Buongiorno!

Philipp Seidel

Am Hamburger Hauptbahnhof gibt es eine kleine Raucherkneipe mit rauchendem Mädchen hinter dem Tresen, in Deutschland inzwischen eine Seltenheit. Jeder, der reinkommt, bekommt sofort einen Aschenbecher vor die Nase gestellt und wird in ein heiteres politisches Gespräch verwickelt. Der Bremer Bahnhof aber ist der coolste von allen. Niemand kommt hier zu spät, niemand läuft außer Atem mit Koffern hin und her, kaum einer schaut auf die Anzeigentafel. Punks mit kaputten Irokesen, große Frauen, die virtuos mit Lippenstift und Döner jonglieren, im vorigen Jahrtausend tätowierte Männer in schwarzen Lederjacken, Zeugen Jehovas, die vor der Bahnhofsapotheke stehen und ihr Wachtturmmagazin skrupellos, aber vergeblich als eine Medizinzeitschrift tarnen, „Leben ohne Mikroben“ steht auf dem Titelblatt.

Sich hübsch machen heißt hier einen Klaren trinken

Dem Bremer gehen die Mikroben am Arsch vorbei, er sieht sie nicht und wenn doch, regt er sich wegen solcher Kleinigkeiten nicht auf. Auf diesem Bahnhof kann ein ganzer Kölner Karneval durch die Bahnhofshalle ziehen, keine Sau wird ihn bemerken. Die Männer möchte man am liebsten ganzkörperlich bügeln, die Frauen haben irgendetwas vom Frühstück im Haar, ihr Blick sagt: „Na und?“ Sich hübsch machen heißt hier einen Klaren trinken, mit einem kleinen Bier dazu.

Philipp Seidel

Der Berliner Hauptbahnhof ist an Geschäftstüchtigkeit nicht zu überbieten. Die besten Fischbrötchen der Hauptstadt werden hier verkauft, beste Sushi gedreht, jedes Jahr eröffnen neue Geschäfte: Anstelle der Brötchenverkäufer entstehen Restaurants, Buchhandlungen wachsen aus den Zeitungskiosken heraus, die jede erdenkliche Lektüre anbieten.

Die einen, die immer zu spät kommen

Ich habe mir schon immer den Job des Bahnhofsbuchhändlers als etwas sehr Spannendes vorgestellt. Denn in kaum einem anderen Einkaufstempel gibt es so viel unentschlossene Laufkundschaft wie am Bahnhof, der man alles nur Denkbare andrehen kann. Die Laufkundschaft am Berliner Hauptbahnhof teilt sich traditionell in zwei gleich große Gruppen auf: Menschen, die immer zu spät, und Menschen, die immer zu früh da sind. Die einen rennen mit glühendem Kopf herum, die anderen fahren entspannt ihre Rollkoffer durch die Bahnhofsgeschäfte spazieren.

Philipp Seidel

Mit den einen, die immer zu spät kommen, kann man keine Geschäfte machen, sie haben dafür keine Zeit. Die anderen aber, die zu früh kommen – das ist die beste Kundschaft. Sie lesen mehr, sie sehen mehr und sie wissen mehr. Was die anderen betrifft, wer zu spät kommt, da wissen wir, was ihnen passiert. Das hat uns Gorbatschow schon erklärt.

Philipp Seidel

Wladimir Kaminer, 50: Das erste, das der russisch-deutsche Autor im Juni 1990 von Deutschland sah, war ein Bahnhof – er kam mit dem Zug in Berlin-Lichtenberg an, und damit gerade noch in der DDR. Seinen Durchbruch feierte er mit dem Roman „Russendisko“. Er ist derzeit auf Lesereise mit „Ausgerechnet Deutschland“.

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