Philipp Lahm: Ich habe längst nicht alles erreicht!

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  • Autor: Sascha Tegtmeier
  • Fotos: Peter Rigaud

Im Interview verrät der 34-Jährige, wie wichtig ihm Heimat, Familie, Disziplin und Sneaker sind – und was er in seinem Leben noch alles erreichen möchte.

Vor einem Jahr hat der Kapitän der Fußballnationalmannschaft und des FC Bayern München sein Trikot an den Nagel gehängt. Untätig ist Philipp Lahm seitdem nicht. Der Familienvater ist Unternehmer, engagiert sich für benachteiligte Kinder und will als DFB-Botschafter die Europameisterschaft 2024 nach Deutschland holen.

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Der Weltmeister kommt zum Interview in seinem privaten Auto – eine sportliche Marke in der familientauglichen Kombi-Variante. Philipp Lahm läuft zügig ins Münchner Fotostudio. Er strahlt gute Laune aus, obwohl sein ehemaliger Verein, der FC Bayern, am Vorabend ein wichtiges Champions-League-Heimspiel verloren hat. Man hat das Gefühl, einen alten Bekannten wiederzusehen – auch wenn man ihn zum ersten Mal trifft.

Herr Lahm, zu Beginn würde ich gern testen, wie „hip“ Sie sind: Wie viele Paare Sneaker besitzen Sie?
Ich komme auf fünf. Reicht das, um hip zu sein?

Bei Stars wie Ronaldo oder Neymar werden mehr im Schrank stehen. Warum haben Sie Schuhmoden und andere Trends wie Tattoos nicht mitgemacht?
Am meisten Sneaker hat vermutlich Jérôme Boateng. Der sammelt die. Und für Tattoos muss man der Typ sein. Ich war nicht derjenige, der äußerlich ins Extreme ging.

Mit Mitte 30 haben Sie als Fußballer alles erreicht, was man erreichen kann. Was kann jetzt noch kommen?
Ich bin wirklich sehr dankbar für meine Fußballkarriere. Aber im Leben alles erreicht zu haben, das ist ja relativ – ich fi nde, das habe ich noch nicht. Jetzt fokussiere ich mich auf meine Familie, meine Stiftung, meine Unternehmungen und auf die Aufgabe beim DFB: die EURO 2024 nach Deutschland zu holen. Ich habe mir neue Herausforderungen gesucht. Das motiviert mich jeden Tag.

Sie haben vor einem Jahr Ihre Fußballkarriere beendet. Sind Sie danach erst einmal in ein Loch gefallen?
Nein, zum Glück nicht. Ich habe mich schon vor meinem Karriereende mit dem Danach beschäftigt und mich frühzeitig an Schneekoppe und Sixtus beteiligt. Ich habe im Augenblick Spaß an dieser Verantwortung.

Gibt es etwas, das Sie vermissen?
Ab und zu vermisse ich die Situation in der Kabine. Das ist eine besondere Atmosphäre und Kultur – die Freude, die Gespräche mit meinen Mannschaftskollegen. Da wird eine eigene Sprache gesprochen.

Und was haben Sie gern hinter sich gelassen?
Die Reiserei – immer wieder mit viel Leerlauf – ist schon sehr anstrengend. Ich habe lieber meine Familie und meine Freunde um mich herum. Und ich bin froh, dass ich meine Zeit jetzt freier einteilen kann.

1 / 2Früher drehte sich bei Lahm alles um Fußball, heute ist er Player in der Geschäftswelt./Peter Rigaud
2 / 2Die Fußballlegende engagiert sich außerdem als DFB-Botschafter – und bleibt am Ball meisterlich./Peter Rigaud

Wenn Ihnen diese neu gewonnene Freiheit spontan einen Tag ohne Termine beschert: Was machen Sie?
Erst einmal mit der Familie besprechen, was ansteht (lacht). Ich geh gern Tennis spielen und golfen. Aber als Vater von zwei Kindern ist die Familie das Wichtigste. Gerade heute war ich auf dem Fußballplatz, weil mein Sohn Julian ein Spiel hatte.

Waren Sie während Ihrer Karriere innerlich wirklich so entspannt, wie Sie immer wirkten?
Vor Entscheidungsspielen war ich natürlich das Gegenteil: sehr angespannt. Dieses Adrenalin brauchte ich auch. Doch die vielen Wiederholungen im Training – auch der einfachsten Übungen – haben mir die notwendige Sicherheit und Ruhe im Spiel gegeben.

Wie trainiert man Besonnenheit?
Besonnenheit ist für mich vor allem Selbstbeherrschung. Im Sport sind Routine und Regeln wichtig. Durch das Einhalten von Regeln setzt man sich Grenzen. Das erzieht einen dazu, ruhig zu sein. Das habe ich schon in meiner Jugend gelernt. Diese Disziplin hat mich geprägt.

Es gibt aber Momente, die man nicht trainieren kann – wie etwa die Ruhe beim Elfmeter: Woran denkt man da?
Ich habe immer die erfolgreichen Schüsse visualisiert, die ich im Training gemacht habe – und versucht, diese im Spiel genau so auszuführen. Und dann wiederhole ich im Kopf das Mantra: „Ich schieß ihn rein, ich schieß ihn rein!“ All das gibt mir Ruhe. Aber mit einem Puls von 80 zum Elfmeter zu gehen, das kann man nicht trainieren, das geht auch gar nicht.

Wer war Ihr härtester Gegenspieler?
Das kann ich nicht an einer Person festmachen. Ich war ein Spieler, der an guten Tagen für jeden Gegenspieler schwer zu bespielen war. An nicht so guten Tagen konnte mir aber auch jeder Gegner wehtun. Es kam also hauptsächlich auf meine eigene Leistung an: In diesem Sinne war ich selbst mein bester Mitspieler und härtester Gegner.

„Sogar nach Siegen war ich selbstkritisch.“

Wie haben Sie Niederlagen verarbeitet?
Es klingt nicht originell, stimmt aber: Aus Niederlagen muss man lernen. Deswegen hatte ich auch nie Angst vor den Analysen nach dem Spiel. Da wird man ja vor versammelter Mannschaft kritisiert. Das hat mich nicht gestört, da war ich selbstkritisch genug.

Braucht es auch Strategien, um mit Siegen umzugehen?
Sogar nach Siegen war ich selbstkritisch. Und das bringt einen doppelt nach vorn. Denn wenn man Erfolg hatte, kann man die Kritik noch besser annehmen als nach Niederlagen. Man darf sich niemals ausruhen auf dem, was man erreicht hat. Ich finde, das gilt für den Fußball und für das Leben.

Viele Ihrer Gegenspieler waren deutlich größer. Ihr Jugendtrainer Hermann Gerland sagte mal, man könne Sie auf jeder Position spielen lassen – nur im Tor nicht, weil Sie da „wohl nicht an die Latte kommen“ würden …
Das ist das Schöne am Fußball. Es kommt nicht auf die Körpergröße an. Wenn man sich Maradona, Pelé, Beckenbauer oder Messi anschaut – das sind ohne Zweifel große Spieler, aber nicht von der Körperlänge her. Beim Fußball kommt es vielmehr darauf an, variabel zu sein. Aber ich gebe Hermann Gerland Recht: Ein guter Torwart wäre ich wohl nicht gewesen.

1 / 4Philipp Lahm wird am 11. November 1983 in München geboren. Seine ersten Tore schießt der junge Philipp auf dem Platz des FT Gern. Mit elf Jahren wechselt er zum FC Bayern München – dem Verein, der seine gesamte Karriere prägen wird./Philipp Lahm-Stiftung
2 / 4Lahm steigt beim FC Bayern schnell zum Leistungsträger auf. Mit der Mannschaft gewinnt er achtmal die deutsche Meisterschaft und sechsmal den DFB-Pokal. 2014 ein weiterer Meilenstein: der Gewinn der Weltmeisterschaft in Brasilien mit Lahm als Kapitän./imago / ZUMA Press
3 / 42017 beendet der Fußballstar seine Profikarriere. Im Frühjahr 2018 benennt der DFB Philipp Lahm zu seinem Botschafter. Darüber hinaus ist Lahm als Geschäftsmann aktiv – als Investor bei mehreren Start-ups und Gesellschafter der Traditionsunternehmen Schneekoppe und Sixtus./Nadine Rupp
4 / 4Außerdem engagiert sich der 34-Jährige sozial: 2007 gründet er eine eigene Stiftung. Lahm ist verheiratet und hat zwei Kinder./Andreas Acktun

Mit elf Jahren haben Sie bei Bayern München angefangen und sind dort die gesamte Karriere über geblieben. Hätten Sie nicht gern mal im Ausland gespielt?
Nein, darüber habe ich nie ernsthaft nachgedacht. Ich wollte immer mit dem FC Bayern erfolgreich sein – dem Verein meiner Heimatstadt.

Sie sind heimatverbunden und Familienmensch. Mit der Philipp Lahm-Stiftung setzen Sie sich zudem für benachteiligte Kinder ein. Wie kam es zu dem Engagement?
2007 war ich in Südafrika, um das Land kennenzulernen, in dem die nächste WM stattfinden würde. Dort ist mir nochmal bewusst geworden, wie privilegiert ich bin. Ich wollte ein Stück zurückgeben. Deshalb habe ich die Stiftung gegründet.

Was wollen Sie mit der Stiftung in 20 Jahren erreicht haben?
Ich möchte junge Menschen unterstützen, ihre Entwicklung positiv beeinflussen und ihnen Perspektiven eröffnen – in Südafrika, aber auch in Deutschland. Ich konzentriere mich auf wenige Projekte, die ich nachhaltig zum Erfolg führen möchte. Seit 2009 veranstalte ich deshalb jedes Jahr ein Sommercamp und mache gerade eine Schultour durch Bayern. Das werde ich auch in 20 Jahren noch tun.

„Wir können so ein Fußballfest wiederholen.“

Sie treten bei der WM in Russland als TV-Experte auf. Wie viel Mehmet Scholl steckt in Ihnen?
(Lacht.) Das kann ich nicht beurteilen. Aber das wird meine Sendung bei der WM auch nicht zeigen. Für das klassische Kommentieren sind andere zuständig. In unserem Format gebe ich Einblicke in meine Erfahrungen bei drei Weltmeisterschaften und drei Europameisterschaften.

Immer wieder ist der Stress bis hin zu Depressionen bei Profi fußballern im Gespräch. Wie sind Sie mit diesem Druck umgegangen?
Ich selbst habe nie wirklich Stress auf dem Platz erfahren. Wenn ein Spieler solch großen Druck verspürt, dann steckt meiner Meinung nach dahinter, dass er seine spielerischen Grenzen spürt. Dann reicht sein Talent nicht mehr aus, er ist überfordert. Welche Konsequenzen er daraus zieht, liegt aber ganz allein in seiner Verantwortung. Dann kann er zum Beispiel eine Stufe auf der Karriereleiter zurückgehen. Das gilt übrigens nicht nur im Fußball, sondern auch in anderen Berufen.

Wie viel darf man als aktiver Fußballer von sich preisgeben?
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich habe in der Öffentlichkeit nie über Privates gesprochen und keine Homestorys gemacht. Beruflich habe ich davon erzählt, was in mir vorgeht – zum Beispiel von dem Druck, den ich hatte, den ersten internationalen Titel beim Champions-League-Finale 2013 zu gewinnen.

1 / 3Alles so schön gelb hier: Philipp Lahm in der Trendfarbe beim "Mein Bahnhof"-Fotoshooting/Peter Rigaud
2 / 3Sein Traumreiseziel? Australien!/Peter Rigaud
3 / 3Die Sommerausgabe von "Mein Bahnhof" gibt es ab sofort kostenlos an über 50 Bahnhöfen deutschlandweit./einkaufsbahnhof.de

Als DFB-Botschafter setzen Sie sich dafür ein, dass die Europameisterschaft 2024 nach Deutschland kommt. Warum?
Ich habe bei der WM 2006 die Begeisterung im ganzen Land gespürt. Ich glaube, wir sollten so ein großes Fußballfest alle 20 Jahre ausrichten. Die Leute sehnen sich danach. Und so ein Turnier stärkt den Zusammenhalt innerhalb Deutschlands und in ganz Europa. Als Kapitän des FC Bayern habe ich festgestellt, dass ich gut darin bin, Menschen von etwas zu überzeugen. Das will ich nun als EM-Botschafter unter Beweis stellen.

Lässt sich das Sommermärchen von 2006 wiederholen?
Definitiv, wir können die Atmosphäre, den Zusammenhalt und den positiven Blick auf Deutschland wiederholen. Wir haben damals schon bewiesen: Wir organisieren dieses Fußballfest perfekt und sind ein weltoffener Gastgeber.

Sie investieren in Start-ups und sind Gesellschafter der Traditionsmarken Schneekoppe und Sixtus. Was, glauben Sie, macht Sie erfolgreich in der Businesswelt?
Vor allem bei Start-ups ist die Beziehung zwischen Gründer und Investor wichtig: Die muss auf Vertrauen, guter Kommunikation und Fairness basieren. Das kenne ich bereits vom Fußball.

Sie haben Ihre Jugend ganz dem Fußball gewidmet. Wollen Sie etwas nachholen? Was steht auf Ihrer „Bucket List“?
Ich bin dankbar für meine Fußballkarriere und bereue nichts. Aber irgendwann will ich mal in Australien Urlaub machen. Das wird sicher noch ein paar Jahre dauern. Meine Tochter ist ja erst acht Monate alt – und außerdem bin ich momentan einfach zu beschäftigt.

Peter Rigaud

Beim Fotoshooting mit „Mein Bahnhof“ hat Philipp Lahm einen adidas-„Telstar 18“ signiert – den offiziellen Fußball der Weltmeisterschaft 2018. Machen Sie mit und gewinnen Sie dieses besondere Sammlerstück!

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