Micky Beisenherz über Essen
als Notwehr

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  • Autor: Micky Beisenherz
  • Fotos: Philipp Seidel

Der TV-Moderator über Live-Shows im Zug, überforderte Restauranttester im Bahnhof, Räuchermakrelen in langen Nächten – und das Verbindende zwischen einem Akkordeon und Harzer Käse.

Wenn ich über blitzschnelle Fortbewegung nachdenke, fallen mir nicht die Herren Sebastian Vettel und „The Hoff“ von Knight Rider als erstes ein, sondern ein Mann namens Eliut Kipchoge. Er pulverisierte vor ein paar Monaten den bisherigen Marathon-Weltrekord und brauchte für die gut 42 Kilometer lange Strecke nur 2 Stunden 01. In dieser Zeit würde ich die selbe Distanz maximal im freien Fall schaffen. Im Berliner Stadtverkehr wiederum legt man an schlechten Tagen gerade mal ein Zehntel der Marathonstrecke in zwei Stunden zurück. Und da ist das Hupen und Angeschrienwerden noch gar nicht mit drin!

Philipp Seidel

Man kann aber auch in Berlin starten und zwei Stunden später in Hamburg sein. Gesetzt den Fall, man nimmt die Bahn. Es gibt nichts, was besser für diese Art des Reisens werben könnte. Diese Strecke. Und Eurowings natürlich. Für jemanden wie mich, der Eindrücke beruflich verarbeitet, ist das Verweilen in Abteilen und Bahnhöfen außerdem geradezu existenziell. Wo sonst kommen so unterschiedliche Menschen zusammen? Du bist praktisch ständig in einer Live-Aufführung, irgendwo zwischen N-TV, arte und RTL2. Neulich bin ich fast umgerannt worden vom ZDF-Polit-Experten Thomas Walde. Ein hochgewachsener, ernsthafter Mann, der wie der T-1000 durch den Hauptbahnhof pflügte und bereit schien, jeden umzulaufen, der sich ihm in den Weg stellen würde. Seine ganze Attitüde schrie: „Lassen Sie mich durch, es geht um Europa!“

Dabei hatte ich mich gerade erst von der S-Bahn-Fahrt erholt, auf der zwei 16-Jährige aggressiv auf der Ziehharmonika spielten. Den Fahrgästen sah man an, dass sie sich Geld oder militärische Geheimnisse lieber mit guter, alter Gewaltanwendung entlocken lassen würden. Die S-Bahn hatte ich übrigens nur genommen, weil ich vorher einem nicht so guten Bekannten begegnet bin, der beabsichtigte, denselben ICE nach Hamburg zu nehmen wie ich. Und die Vorstellung, zwei Stunden lang eine Zwangskonversation zu führen, trieb mich unter Vorspiegelung falscher Pläne spontan in eine S-Bahn – die ich nie nehmen wollte. Prompt wurde diese Notlüge mit Quetschkommodenterror geahndet. Wirklich, ich war tief beeindruckt, wieviel Bedrohung so ein Akkordeon ausstrahlen kann. Da kann selbst die Panflöte einpacken.

die Einkaufsliste ersetzt den Psychotest

Im Vergleich dazu sind Bahnhöfe Oasen der Ruhe, aber mit ausgeprägtem Shopping-Angebot: Technikgroßmärkte, Buchhandlungen, Supermärkte und eine Auswahl an Restaurants, an denen sich selbst Christian Rach wund testen könnte. Wie häufig bin ich schon in langen, schlaflosen Kölner Nächten in den angrenzenden Hauptbahnhof geschlappt, um mich mit dem Nötigsten zu versorgen, das das Hotelzimmer partout nicht hergeben mochte: Kokosnüsse, Eistee, Räuchermakrele, Lakritz und Harzer Käse. Wenn die Einkaufsliste jeden Psychotest ersetzt.

Ich lege übrigens Wert auf die Feststellung, dass ich mit dem Harzer Roller zurück aufs Hotelzimmer gegangen bin – und nicht etwa ins Bahnabteil. Dafür bin ich zu sehr Philanthrop. Das sollte man auch wirklich nicht tun. Aber sagen Sie das mal Rentnerreisegruppen auf dem Weg nach Stralsund. Da ist in Wagen 24 die Tupperdose mit Eiern schneller auf, als sie das Wort „ZDF Fernsehgarten“ sagen können. Frauenreisegruppen, die flaschenweise Prosecco köpfen, Frikadellen aus Bauchtaschen, Menschen, denen man einen Platz neben sich anbietet und die sich mit einem Fettdunst aus Pommes Rot-Weiß revanchieren. Dieses olfaktorische Chaos würde mich kaum einen klaren Gedanken fassen lassen – wäre ich nicht viel zu beschäftigt damit, die Gespräche fremder Leute zu belauschen.

Harzer Roller im Bahn-Waggon? Nein, wirklich, das tut man einfach nicht. No way. Es sei denn natürlich, der Akkordeon-Foltertrupp macht von der S-Bahn rüber in den ICE. Oder ein entfernter Bekannter will sich neben mich setzen, um Konversation zu betreiben. Wenn Lebensmittel zur Notwehr werden.

Philipp Seidel

Micky Beisenherz, 41, war Autor von TV-Formaten („heute show“, Dschungelcamp etc.). Er gehörte bei der WM 2018 zum Expertenkreis der ARD-Sendung „Kwartira“, moderiert heute Comedy-Sendungen wie etwa „Das Lachen der Anderen“ (WDR) und hat einen Fußball-Podcast. Er scheibt Kolumnen für den „Stern“. Beisenherz steigt am liebsten in München aus dem Zug aus. Das heißt nämlich, dass er nicht jwd am Flughafen ist.

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