Kolumne: Am Wühltisch des Reisens

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  • Autor: Thomas Hüetlin
  • Fotos: Miriam Göhn

Der Journalist und Lindenberg-Biograf Thomas Hüetlin über Unterhosen-Ärger am Flughafen, Stresssymptome beim Einchecken und darüber, warum ein Cappuccino in der Bahn ihm heute mehr wert ist als Kaviar über den Wolken.

„Getrampt oder mit dem Moped / oder schwarz mit der Bahn / immer bin ich dir irgendwie / hinterhergefahrn“, singt Udo Lindenberg in „Cello“ und er schwindelt mit keiner Silbe. Genauso war das, wenn man im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts jung war. Autobesitzer waren vor allem Mantafahrer oder 18-jährige Perlenketten- Mädchen, die von ihren unternehmensberatenden Eltern ein Golf Cabrio zum Abitur geschenkt bekamen. Der Rest von uns fuhr schwarz oder nicht oder trampte.

Das änderte sich in meinem Fall auch nicht wesentlich, als ich anfing, mein eigenes Geld zu verdienen. Ich mochte Musik und schrieb in Stadt-Magazinen darüber. Es gab Zeilen-Honorar. Keine Spesen. Die Straße war mein
Reisebüro.

„Der Hamburger Flughafen: Eine Wurstbude mit Rollfeld“

Mit den Zeitschriften wurden auch die Stars größer. Ich musste jetzt zu Mick Jagger nach London, zu Keith Richards nach New York, zu Bruce Springsteen nach Cleveland – zu David Bowie, wieder New York. Ein großer Spaß, anfangs. Der Flughafen in Hamburg zum Beispiel war eine Art Wurstbude mit einem Rollfeld dahinter. Gedränge waren hier völlig unbekannt. Man flog Business und trank Champagner.

Ich erinnere mich daran, in einem großen Bett nach Phoenix, Arizona, geflogen zu sein. Mit einer frischbezogenen Decke, gefüllt mit Federn, und einer Art Privatkoch, der sich um mich kümmerte. Was ich dort in der Wüste wollte? Ich erinnere mich nicht mehr genau. Was ich aber noch genau im Kopf habe, ist dieser Koch: russischer Kaviar, etwas monatelang Abgehangenes am Knochen und ein 1982er Chateau Palmer, Margaux. Ganz amüsant so was, aber auf die Dauer ziemlich surreal.

Dann brach 2001 das World Trade Center neben mir zusammen und ich rannte um mein Leben. Der Westen erklärte den Krieg gegen den Terror und seitdem sind Flughäfen schwer bewachte Einkaufszentren, wo einem wildfremde Menschen an der Unterhose herumfummeln, bevor man stundenlang zwischen Parfüm- und Schnapsregalen die Zeit kleinkriegen muss. Fliegen ist inzwischen die Ramschkiste des Reisens. Hauptsache billig, alles andere ist egal. Die Londoner Times schreibt, dass das Einchecken im Flughafen Heathrow etwa dieselben Stresssymptome hervorrufe, wie Opfer eines Messerüberfalls nachts allein in einer dunklen Gasse zu werden.

Möglicherweise erledigt sich das Problem aber bald von selbst, wenn Miami, New York oder London im Salzwasser versinken – auch weil Flugzeuge als Spitzenreiter unter den Klimasündern dafür sorgen, dass der Meeresspiegel stetig schneller steigt. Flieger und Flughäfen sind mir inzwischen so angenehm wie eine Wurzelbehandlung.

„Ich hatte jenes Gefühl, das Udo mit seinem Lieblingswort »EASY« beschreibt.“

Bei meiner Zusammenarbeit mit Udo war ich daher dankbar, nicht auf das Flugzeug angewiesen zu sein. Ich durfte – Udo-Style – die Bahn nehmen und rumlaufen, während ich mit 220 Stundenkilometern an Kühen und Wiesen vorbeiglitt und Cappuccino aus einem Porzellanbecher trank. Jedes Mal, wenn ich in Hamburg ankam, hatte ich jenes Gefühl, das Udo mit seinem Lieblingswort „easy“ beschreibt – die Zeit im Zug war wie im Flug vergangen. Ich war in der Zukunft des Reisens angekommen.

Thomas Hütlin

Thomas Hüetlin, 57, war Reporter beim Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL“ und schrieb die Udo-Lindenberg-Biografie „Udo“, die 2018 erschien. Besonders bekannt ist Hüetlin außerdem für seine Sportreportagen. Für seine journalistische Arbeit gewann er unter anderem den Egon-Erwin-Kisch-Preis, den Deutschen Reporter-Preis sowie den Henri-Nannen-Preis. Die Bahn schätzt er, weil er vom Hamburger Hauptbahnhof aus in drei Minuten bei Udo im Hotel Atlantic ist. Zu Fuß.

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