Reisereportage: Nachtzug nach Moskau

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  • Autor: Boris Schumatsky
  • Fotos: Thomas Eugster

21 Stunden, 1.900 Kilometer: Unser Autor ist im Nachtzug von Berlin über Polen und Weißrussland nach Moskau gefahren.

Unterwegs von Berlin nach Moskau entdeckt Boris Schumatsky nicht nur Felder, die bis zum Horizont reichen, und Bahnhöfe, die wie Regierungspaläste und Vogelhäuschen aussehen. Er lernt auch Spione in Strickjacken kennen, muss sich einer Frau in Tarnkleidung fast gänzlich unverhüllt zeigen und hat Angst, Schmuggler zu sein.

BERLIN-LICHTENBERG, GLEIS 21
Km 0, 20.22 Uhr
Dass es keine gewöhnliche Zugfahrt wird, merkt man schon am Bahnsteig. Die Fahrgäste werden mit einer militärisch anmutenden Ehrenwache begrüßt: Vor jedem Wagen sind Schaffner in dunkler Uniform postiert, sie stehen seitlich neben jeder Wagentür. Alle im exakten Ein-Meter-Abstand vom Zug, alle mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, Ellenbogen fest am Körper. Die Angestellten der Russischen Eisenbahn lassen sich Fahrkarten, Ausweise, Visa und dann die Koffer zeigen. Allmählich formiert sich vor jedem Schaffner eine Schlange wie beim Check-in am Flughafen. Mit dem Flugzeug wäre man in knapp drei Stunden in Moskau.

Warum sollte man stattdessen 21 Stunden im Zug sitzen? Die Fahrgäste sehen nicht aus wie die Nachtzug-Romantiker im Orient-Express. Die meisten haben schweres Gepäck dabei, aber kann das der Grund sein, Zug zu fahren?

1 / 2Fast einen ganzen Tag dauert die Fahrt nach Moskau./Thomas Eugster
2 / 2Die Angestellten der Russischen Eisenbahn kontrollieren die Papiere aller Fahrgäste./Thomas Eugster

Ein kräftig gebauter Mann mit rasiertem Nacken und Goldkette um den Hals schleppt zwei Koffer in den Zug. Dann steigt er wieder aus, und gleich sehe ich ihn zwei weitere Koffer hineinhieven. Das Gepäck wird hier nicht durchleuchtet. Darin kann alles Mögliche sein, denke ich. In meinem Koffer liegen zum Beispiel ein paar Flaschen Rotwein, über die sich ein Freund in Moskau sehr freuen würde. Ob sich auch der russische Zoll freuen wird? Der Mann mit Stiernacken schleppt noch eine drittes Mal Koffer in sein Abteil, in dem noch ein älteres Paar sitzt, vermutlich seine Eltern. Er klopft ihnen ermunternd auf die Schultern und steigt aus. „Sie werden was verpassen“, ruft ihm ein Schaffner hinterher. Er wird Recht behalten

NAHE FRANKFURT (ODER)
Km 85, 21.15 Uhr
Unser Nachtzug heißt Strisch, russisch für Mauersegler. Es ist bestimmt kein Zufall, dass auch ein Raumanzug der sowjetischen Kosmonauten denselben Namen trägt. Sobald man die Abteiltür hinter sich zuzieht, fühlt man sich wie auf einer Raumstation. Graues Plastik, zwei hochklappbare Liegen mit Anschnallgurten und ein verschließbares Waschbecken, das man seinem Aussehen nach auch in der Schwerelosigkeit nutzen kann. Ich kann mir gut vorstellen, in diesem Abteil nach Moskau zu fliegen oder sogar zum Mars. Jetzt geht es erst einmal Richtung Polen.

Auf der Strecke bis zur deutsch-polnischen Grenze sind die Gleise ordentlich verschweißt, der Zug läuft beinahe geräuschlos, als wäre er bereits abgehoben. Die Nacht draußen ist weltraumschwarz. „Wenn ein Flieger abstürzt, ist man garantiert tot, hier hat man eine Chance“, so erklärt mir Maria, warum sie lieber Zug fährt. Ich sprach sie an, als sie durch den Gang einem Tiger hinterherlief. Das ist ihr kleiner Sohn, der sich weigert, sein Kostüm abzulegen und schlafen zu gehen.

NAHE RZEPIN, POLEN
Km 107, 21.38 Uhr
Aus dem nächsten Waggon nähern sich der Tigermama zwei Männer. Sie tragen die gleichen weinroten Cardigans und stecken die Köpfe in Abteile und ruckeln an Toilettentüren. Wollen sie verdächtige Passagiere dem russischen Zoll melden?

POZNAN GŁÓWNY (POSEN)
Km 262, 22.57 Uhr
Die zwei vermeintlichen Spitzel treffe ich im Zugrestaurant wieder. Ich bestelle mir ein Bier, ein Baltika. Die einzige Sorte unter sieben Euro. „Baltiki njetu“, ist alle, entschuldigt sich die Kellnerin. Sie dürfe russisches Bier nicht nach Deutschland mitnehmen. Offenbar bin ich nicht der Einzige, der Probleme mit der Einfuhr von Alkohol fürchtet. Einer der beiden Spione in Strickjacken grinst in meine Richtung. Ich setze mich zu ihnen.

1 / 3„Baltiki njetu“: Kellnerin Irina entschuldigt sich./Thomas Eugster
2 / 3Durchfahrt in Warschau./Thomas Eugster
3 / 3An viel Schlaf ist im Zug nicht zu denken./Thomas Eugster

WARSZAWA CENTRALNA (WARSCHAU)
Km 683, 03.18 Uhr
Beim zweiten Bier gestehen sie mir alles. Sie sind Eisenbahn-Ingenieure und arbeiten in Moskau für einen Technologiekonzern. Unseren Zug Strisch hat ihr spanischer Konkurrent gebaut, sie wollten sich die Zugtechnik anschauen. Sie sind beeindruckt. Nur mit dem Design seien sie unzufrieden, zu viel Grau, zu eng, meint der eine. Über die Details dürfen sie aber nicht reden. Der andere sagt dann doch: „Exzellente Achsfederung, man spürt keine Stoßlücken, aber warten wir ab bis Russland!“

So lange müssen wir nicht warten. Schon hinter Warschau fängt das Rattern an. Wenn ich meine Raumfahrer-Liege herunterklappe und mich darauflege, spüre ich jede dieser sogenannten Stoßlücken – das nicht nahtlose Aufeinandertreffen von zwei Gleisenden, das aus längst vergangenen Eisenbahnerzeiten stammt.

Hinter Warschau fängt das Rattern an.

KURZ VOR TERESPOL
Km 790, 05.10 Uhr
Es kehrt Ruhe ein. Der Zug rollt so langsam, dass man nicht weiß, ob er steht oder vielleicht fliegt. Und just in dem Moment, als ich fast schon wieder eingeschlafen bin, knarzt eine Ansage durch die Lautsprecher. Eine Stimme sagt etwas über Grenzen und Kontrollen, man dürfe das Abteil nicht verlassen, Türen nicht schließen, man solle sich für irgendetwas bereithalten. Man versteht nicht ganz, für was. Man fühlt sich aber schon schuldig.

Hier endet die EU und auch die Spurweite von 1.435 Millimetern. Russland ist großspuriger, die Gleise liegen rund zehn Zentimeter weiter auseinander. Einst hing hier eine Art eiserner Vorhang. Es war ein enger Tunnel aus Stacheldraht, durch den der Zug langsam kroch. Stacheldraht links, Stacheldraht rechts, Stacheldraht oben. Davor wurden alle Waggons in einer Halle einzeln angehoben und die Räder ausgetauscht. Die Räder von unserem modernen Strisch stellen sich automatisch auf eine andere Spurweite ein. Dazu fährt der Zug behutsam über eine Strecke, auf der die Spur allmählich breiter wird. Dann kommt die Grenze zu einem ins Abteil.

TERESPOL, POLNISCH-WEISSRUSSISCHE GRENZE
Km 817, 05.39 Uhr
Man wartet bei geöffneter Abteiltür auf seiner Liege, während auf dem Gang Uniformierte vorbeigehen. Weißrussland übernimmt die Abfertigung für die Russische Föderation, die Beamten aus Polen sind für die EU zuständig. Plötzlich steht vor meinem Abteil eine Cyborg-Frau. Sie trägt am Handgelenk einen klobigen Scanner und am Oberkörper eine schusssichere Weste. Die Grenzpolizistin winkt mir beruhigend zu – ich kann liegen bleiben – und scannt meinen Pass ein. Dann ist sie fertig mit mir, die EU.

BREST, WEISSRUSSLAND
Km 830, 08.07 Uhr
Wir fahren langsam weiter, und ich frage mich, ob man wieder einschlafen darf. Doch als ich fast wieder eingenickt bin, ruckelt jemand an meiner Decke. Es ist eine Frau mit kurzem Haarschnitt, Camouflage und Springerstiefeln. „Treten Sie bitte vor!“, befiehlt sie mir auf Russisch. Ich muss raus auf den Gang, kann weder Hose noch Schuhe anziehen. Zum Glück geht mir die Grenzpolizistin nicht weiter an die Wäsche, sie schaut nur nach, ob ich jemanden in meinem Abteil verstecke. Dann geht sie weiter, wortlos in den nächsten Wagen.

Und dann kommt der Zoll. Der Beamte lässt mich meinen Koffer öffnen und entdeckt die Weinflaschen. Aber meine Sorgen waren ganz unnötig. Weniger als drei Liter Alkohol – das merkt der russische Zoll nicht einmal. Eine Schaffnerin steckt ihren Kopf in mein Abteil und wünscht einen guten Morgen. Sie heißt Nadeschda und wirkt erleichtert. So wie ich. Endlich haben wir es über die Grenze geschafft.

BREST BIS MINSK
Km 1.169, 10.20 Uhr
Draußen ist es hell. Dass wir Westeuropa verlassen haben, erkennt man sofort an der Landschaft. Schon in Polen werden die Felder immer größer, je näher man der weißrussischen Grenze kommt. Danach werden sie riesig. Manchmal reicht ein russisches Feld, so wird es auch in Volksliedern besungen, bis zum Horizont. Die Bauernhöfe werden dagegen kleiner – immer gleiche Holzhäuser mit drei, vier kleinen Fenstern unterm Giebeldach.

1 / 1Träumt von New York: Zugbegleiterin Nadeschda/Thomas Eugster

Maxim schaut nicht aus dem Fenster. Der Moskauer sitzt im Zugrestaurant vor seinem Notebook und einem Cappuccino. „Ich habe Flugangst“, gesteht er. „Und Zugfahren ist eh besser für die Umwelt“, meint ein junger Mann aus der Schweiz am Nachbartisch, der in Moskau einen Sprachkurs besuchen will.

SMOLENSK, RUSSLAND
Km 1.502, 15.55 Uhr
Der Zug Strisch rauscht mit über 100 Stundenkilometern an Bahnhöfen vorbei, von denen viele noch aus einer Zeit stammen, als Dampfloks die Schnellzüge mit 30 km/h durch die Lande schleppten. Einige hölzerne Bahnhöfe sehen aus wie übergroße Vogelhäuschen, andere wie Regierungspaläste im Kleinformat – mit Portikus und Säulengang.

Die Datschen von „Großmoskau“

VOR MOSKAU
Km 1.798, 19.05 Uhr
Schon 100 Kilometer vor Moskau macht sich dieser größte Ballungsraum Europas bemerkbar. Wir fahren an riesigen Lagerhallen vorbei und an noch größeren Gartenkolonien. Manche scheinen sich bis zum Horizont zu erstrecken, als hätte hier jeder einzelne von über 15 Millionen Einwohnern „Großmoskaus“ seine eigene kleine Datscha.

MOSKAU BELORUSSKAJA
1.898 km, 19.58 Uhr
In Moskau stellen sich die Zugbegleiterinnen und die Schaffner wieder neben den Wagentüren auf. Nadeschda schaut auf das Bahnhofsgebäude, das vor 100 Jahren gebaut wurde. Wie damals warten auf dem Bahnsteig vor unserem Zug Gepäckträger mit Schirmmützen. Sie holen Koffer aus den Abteilen, stapeln sie hoch auf ihre Wagen, die sie dann zum Taxistand schieben.

1 / 2Endlich: angekommen in Moskau./iStock – mikolajn
2 / 2Der Weißrussische Bahnhof ist Endpunkt der Reise./Thomas Eugster

Nadeschda bleibt zwei Tage in Moskau, bevor sie zurück nach Berlin fährt. Zum Abschied liest sie mir ein Gedicht vor, das sie ihrem Zug gewidmet hat: „Im Herz Europas liegt Berlin, dort holt man sich Adrenalin“, geht es los. Dann träumt Nadeschda davon, dass ihr Mauersegler Strisch bis nach New York fliegt. Bis dahin nehme ich für meine Rückreise aber lieber das Flugzeug.

Boris Schumatsky (links) ist Schriftsteller und Publizist. Er schreibt u.a. für die taz, die FAZ und die ZEIT. Schumatsky ist in Moskau geboren und lebt seit Mitte der 90er Jahre in München und Berlin. Er ist schon einmal die Strecke Berlin–Moskau mit dem Nachtzug gefahren, das war vor genau 28 Jahren.

Thomas Eugster (rechts) ist ein Schweizer Fotograf und arbeitet u.a. für Magazine wie das ZEIT-Magazin und brand eins. Er fährt, wann immer möglich, mit dem Zug und liebt es, den langsamen Wechsel der Landschaften mitzubekommen.

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