Olivia Jones im Interview

Wir sprachen mit der bekanntesten Dragqueen Deutschlands Olivia Jones über Hamburg, ihren Beruf und ihren Kindheitswunsch.

Olivia Jones ist eine Erscheinung. Das liegt nicht nur an dem bunt glitzernden Make-up und der schrillen Perücke. Die Dragqueen ist 2,07 Meter groß und eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Hamburgs.

Wie lange brauchst du, um dich zu stylen?
Insgesamt eineinhalb Stunden für das komplette Programm. Das Make-up dauert etwa eine Stunde. Mittlerweile brauche ich ja schon etwas mehr an Zeit und Material (lacht). Jetzt ist das übrigens auch alles wasserfest. Ich könnte hier ins Hafenbecken fallen und würde danach aussehen wie vorher. Na ja, fast.

Was wolltest du als Kind werden?
Clown! Ich habe immer Zirkus gespielt. Da musste dann die ganze Familie zuschauen und applaudieren. Ich habe auch versucht, die beiden kleinen Hunde meiner Mutter für die Raubtiernummer zu dressieren. Aber die wollten nicht so, wie ich wollte.

Wann war klar, dass es in eine andere Richtung geht?
Ich wusste schon sehr früh – mit 16 oder 17 –, dass ich Dragqueen werden will. Das ist natürlich nicht so leicht für die Familie,
 wenn du das am Kaffeetisch erzählst. Da bleibt dann
 schon dem einen oder anderen ein Stück Torte im Hals stecken (lacht).

Wie oft trifft man dich auf St. Pauli?
Mindestens freitags und samstags, direkt nach meinen Kieztouren und Hafenrundfahrten. Und in der Woche, so oft ich kann. Den Rest der Woche mache ich normale Jobs, Moderationen oder Ähnliches. Aber das macht auch alles Spaß. Das muss es auch, sonst kann man das nicht machen.

Wie steckst du den Stress weg?
Ich mache Sport und ernähre mich sehr gesund. Das ist für mich Pflicht, da ich hier als Leitkuh ja Verantwortung habe. Ich muss fit sein – das erwarten die Leute von mir. Die kommen aus der ganzen Republik und wollen mit mir feiern und Fotos machen. Das muss ich dann auch gewährleisten.

Wie lange machst du das jetzt schon?
Seit 26 Jahren. Ich habe mit Travestieshows in Varieté-Theatern angefangen. Dann habe ich Partys veranstaltet und mich auf St. Pauli etabliert. Hier habe ich mit lauter Paradiesvögeln die Olivia-Jones-Familie gegründet. Wir haben ein eigenes Universum geschaffen, in dem wir uns und unsere Gäste unterhalten. Das ist eine Win-win-Situation.

Was genau ist dein Beruf?
Multifunktionstranse, Entertainerin, Bespaßerin und zu einem großen Teil Selbstverwirklichung. Ich möchte Spaß an meinem Leben haben, aber ich möchte auch, dass
 viele andere daran teilhaben. Ich empfinde mich auch ein bisschen als Clown: Ich finde es großartig, wenn die Leute lachen.

Als Kind wollte ich Clown werden. Und gewissermaßen bin ich das ja jetzt auch.

Also bist du deinem Kindheitstraum
treu geblieben?

Ja, das ist schon lustig, dass ich als Kind tatsächlich Clown werden wollte. Und im Grunde bin ich jetzt so was Ähnliches. Mir fehlt ja nur
 noch die rote Nase (lacht).

Das hat auch viele Vorteile, oder?
Ganz besonders diese Narrenfreiheit als Olivia Jones macht mir großen Spaß. Ich kann mir ja Sachen als Olivia rausnehmen, das glaubt man gar nicht. Und ich kann mich gleichzeitig privat völlig zurücknehmen. Ich führe ein tolles Doppelleben.

Was heißt das?
Ich bin privat sehr introvertiert und eher zurückhaltend. Das ist schon toll: Ich kann mich auf der Bühne austoben, und privat bin ich dann ganz relaxt und locker und eher unauffällig mit Jeans und dunklen Sachen. Quasi eine Medaille mit zwei Seiten.

Wie grenzt du dich privat von der Figur Olivia ab?
Olivia ist keine Kunstfigur, sondern ein Teil meiner Persönlichkeit. Aber abgrenzen kann ich diesen
 Teil vom anderen schon sehr gut. Wenn ich mich abschminke, kann ich ganz normal über die Reeperbahn und sogar in meine Bars gehen, ohne dass mich jemand erkennt. Das ist schon lustig, wenn Leute mich dann fragen: „Sagen Sie mal, wann kommt denn die Olivia heute Abend?“

Bist du denn privat noch auf dem Kiez unterwegs?
Ja, klar. Ich bin ständig hier. Ich lebe und arbeite ja hier. Der Kiez ist toll, weil er tagsüber wie ein kleines Dorf ist, in dem jeder jeden kennt, und abends ist hier die große Bühne für alle.

Du engagierst dich politisch und sozial ...
Mir ist das sehr wichtig. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, hat man eine Verantwortung und kann mit seiner Bekanntheit viel bewirken. Daher finde ich es selbstverständlich, dass ich mich für andere einsetze.

Was wäre eine Gesellschaft ohne Paradiesvögel?

Warum?
Ich möchte nicht, dass andere das an Diskriminierung und Ausgrenzung erleben müssen, was ich erlebt habe. Es ist doch toll, wenn man eine bunte, aufgeschlossene Gesellschaft hat. Was wäre denn eine Gesellschaft ohne Paradiesvögel oder Leute, die kulturell oder sonst wie anders sind. Das bereichert eine Gesellschaft erst.

Hat sich viel geändert, seit du angefangen hast?
Natürlich! Es ist schon alles sehr viel liberaler geworden. Aber Toleranz ist etwas, was man immer wieder neu definieren und erkämpfen muss. Denn es gibt immer wieder Leute, die gegen irgendwas oder irgendwen sind, weil sie Angst haben oder andere einfach ausgrenzen wollen.

Reagieren Frauen und Männer unterschiedlich auf dich?
Ja, schon. Frauen sind offener, Männer oft zurückhaltender. Ich springe ja gern zwischen den Geschlechterrollen hin und her. Das ist immer noch ein Tabuthema, aber auch sehr lustig. Und davon lebe ich ja gewissermaßen (lacht).

Hast du vor etwas Angst?
Ich bin schon sehr mutig. Natürlich hat jeder Ängste, aber ich lasse das nicht so an mich ran. Ich nehme einen Shitstorm eher als Rückenwind und kann auch aus Negativem Energie ziehen. Man darf sich nicht alles bieten lassen. Ich weiß nicht, ob ich viel verändern kann, aber wenigstens ein bisschen was. Das kann jeder.

War es schwer die Figur Olivia Jones zu finden?
Es ist ja keine Figur oder Rolle, sondern ein Teil meines Charakters, den ich aber erst entdecken musste. Das war am Anfang eine Herausforderung, aber auch Spaß. Das musste sich ja auch erst einmal etablieren. Mittlerweile werde ich aber wirklich ernst genommen und sitze als Olivia Jones bei Sandra Maischberger. Das hätte ich mir nie träumen lassen.

Fällt dir bei deiner Größe von 2,07 Metern etwas schwer?
Diese ganzen Selfies sind etwas schwierig, weil ich mich immer wie eine Giraffe runterbeugen muss. Und Hotelbetten sind so eine Sache, weil ich da eigentlich nie reinpasse. Aber ich roll mich einfach ein, und dann geht das auch.

Hast du ein langweiliges Hobby?
(überlegt) Nee, eigentlich nicht. Aber ich bin jemand, der Ruhe und Abgeschiedenheit sehr genießen kann. Ich brauche manchmal ein komplettes Kontrastprogramm zu dem, was ich auf St. Pauli habe. Vielleicht ist das ein bisschen langweilig?

Wie lange machst du das noch?
Ich hoffe, noch viele 100 Jahre (lacht). Aber im Ernst, ich mache das mit so viel Spaß, und Olivia ist nicht nur eine Kunstfigur. Deshalb glaube ich nicht, dass es ein Verfallsdatum gibt. Ich kann mir vorstellen, dass ich hier noch mit einem bunten Rollator rumrenne.

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