Wotan Wilke Möhring: Der Reiz der Freiheit

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  • Autor: Sascha Tegtmeier
  • Fotos: Michael de Boer

Im Interview haben wir mit Wotan Wilke Möhring über das Thema Freiheit gesprochen: Er erzählt, warum er erst Punk, dann Soldat wurde, wo er gern mal die Hose herunterlassen würde, wie er die Wendejahre erlebt hat, was für ihn heute das größte Freiheitsgefühl ist – und wie viel Freiraum er seinen drei Kindern lässt.

Er hat in mehr als 100 Filmen mitgespielt und verkörpert seit sechs Jahren den beliebten Kommissar des Hamburger „Tatort“. Diesen Herbst ist Wotan Wilke Möhring nicht nur in einer neuen Tatort-Folge zu sehen. Er spielt auch Hauptrollen in der Komödie „Das perfekte Geheimnis“ (u. a. mit Elyas M’Barek, Karoline Herfurth, Florian David Fitz) sowie in der TV-Serie „West of Liberty“.

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Hamburg-Altona. Wotan Wilke Möhring betritt das Fotostudio so entspannt wie TV-Kommissar Thorsten Falke, den er verkörpert. Tatsächlich kommt er nicht gerade von einem Tatort, sondern aus Köln von einem Elterngespräch an der Schule seiner Tochter. Er offenbart sich sofort als Kumpeltyp und legt für das Fotoshooting mit „Mein Bahnhof“ elektronische Musik mit seinem Smartphone auf.

Wotan, in deinem neuen Film „Ein perfektes Geheimnis“ eskaliert ein Pärchenabend, weil sich die Frauen und Männer sämtliche Handynachrichten der anderen anschauen. Wie viel Geheimnis braucht eine Beziehung?
Jemand kommt in dem Film auf die Idee, dass alle alles vorlesen müssen und Anrufe mitgehört werden. Das geht natürlich nach hinten los. Wir sind ja alle irgendwie Inseln. Und das macht den anderen attraktiv: Man darf in bestimmten Bereichen bei ihm herumschwimmen, aber ansonsten bleibt er allein und selbständig. Wir brauchen geschützte Bereiche. So wie beim Meerschweinchenstall das Häuschen, in das die Tiere sich zurückziehen.

Michael de Boer

Du bezeichnest dich als freiheitsliebenden Menschen. Was genau bedeutet Freiheit für dich?
So zu sein, wie man ist, ohne die Freiheit eines anderen einzuschränken. Freiheit ist dabei für jeden etwas ganz Unterschiedliches. Durch deinen Beruf hast du ja besonders viele Freiheiten. Ich bin als Schauspieler weisungsgebunden: Ich muss da hingucken, wo das Licht ist. Aber natürlich ist es ein Privileg und ein Gefühl von Freiheit, das machen zu dürfen, was man möchte.

„Der Drang nach Freiheit überwindet alles“

Mit dem Erfolg geht finanzielle Unabhängigkeit einher. Verschafft Geld einem Freiheit oder macht es unfrei?
Grundsätzlich hat Geld nichts mit Freiheit zu tun. Unsere kapitalistische Welt ist aber so gestrickt, dass man sich Freiheit ohne Geld eigentlich nicht leisten kann. Weil wir an äußere Umstände gebunden sind, die durch das Geld diktiert werden. Das höchste Gut für jene, die Geld haben, ist jedoch Zeit.

Was machst du, wenn du dich richtig frei fühlen willst?
Nix zu tun, ist für mich eben die größte Freiheit. Wenn ein Termin ausfällt und ich einen Tag geschenkt bekomme, dann ist das für mich ein Riesenfreiheitsgefühl. Ich denke dann: Ich könnte jetzt dies oder das machen, aber ich mache nichts davon. (Lacht.) Freiheit ist für mich auch, die Natur zu erleben. Ich gehe mit meinen Kindern wandern oder laufe einfach alleine los.

Dein Vater war Offizier. Das klingt nach einer Kindheit ohne viele Freiräume.
Es war genau umgekehrt, ich bin in einem sehr offenen Haus aufgewachsen. Über meinen Vater habe ich die Freiheit kennengelernt, die er in einem Satz auf den Punkt gebracht hat: „Mit jedem Tag vergrößert sich der Kreis derjenigen, die mich mal am Arsch lecken können.“

1 / 3Wotan Wilke Möhring wird 1967 in Detmold als Sohn eines Bundeswehroffiziers und einer Lehrerin geboren und wächst im Ruhrgebiet auf. Nach einer Phase als Punk und dem Abitur verpflichtet sich Möhring für zwei Jahre bei der Bundeswehr als Fallschirmjäger./Wotan Wilke Möhring
2 / 31990 geht er nach Berlin, um an der Hochschule der Künste zu studieren. Er widmet jedoch mehr Zeit der Musik und veröffentlicht einige Jahre später mit den Elektropunkern von „DAF“ ein Album. Möhring belegt zudem Schauspielseminare in den USA und feiert 1997 sein Debüt als Schauspieler in dem Film „Die Bubi-Scholz-Story“./Michael de Boer
3 / 3Einem größeren Publikum wird er 2001 mit dem Thriller „Das Experiment“ bekannt. Insbesondere Fatih Akins „Soul Kitchen“ und der Film „Männerherzen“ tragen in den darauffolgenden Jahren weiter zu seiner Popularität bei. Seit 2013 ist Möhring als Tatort-Kommissar Thorsten Falke zu sehen. Er spielt in über 100 Filmen mit und wird vielfach ausgezeichnet: 2012 erhält er den Deutschen Fernsehpreis. Für seine Darstellung des Old Shatterhand in „Winnetou“ bekommt er 2018 die Goldene Kamera. Möhring ist Vater von drei Kindern und lebt in Köln./Michael de Boer

Als Jugendlicher warst du Punk. Wogegen hast du rebelliert?
Ich wollte nichts von der Vorgeneration unreflektiert übernehmen. Damals war Punk noch Schmutz und Lärm – noch nicht salonfähig, Irokesen-Schnitt bei einer Modenschau und so. Für mich war das Punksein immer die Frage danach, wie viel man wirklich braucht. Einen übervollen Kühlschrank? Und es war die anarchistische Suche nach Antworten auf ganz viele Warum-Fragen.

Was machst du heute, um zu provozieren?
Manchmal hab ich schon richtig Bock, einfach mal bei einer hippen Veranstaltung die Hose runterzulassen oder so. (Lacht.) Aber von der Provokation um der Provokation willen bin ich zum Glück weg.

Nach dem Abitur warst du zwei Jahre lang als Berufssoldat bei den Fallschirmjägern. Wie passt das mit den Punk-Jahren zusammen?
Ich hab immer das gemacht, worauf ich Bock hatte. Und ich wollte es mir mal so richtig geben. Es war jedes Mal ein Überwinden von Todesangst, wenn wir nachts rausgesprungen sind – mit Gepäck, so schwer, dass die anderen dich raustreten mussten.

Dein weiteres Leben verlief auch nicht besonders geradlinig: Türsteher, Musiker, Model – dann wolltest du mit 30 Schauspieler werden. Wie wichtig waren die Stationen zuvor als Vorbereitung?
Für mich war das ein gerader Weg. Ich wollte nichts Verrücktes machen, sondern bin einfach meiner inneren Stimme gefolgt. Aber es stimmt: Ich habe vieles erlebt, das ich für meine Rollen nutze. Und als Schauspieler kann ich wiederum so unterschiedliche Welten erleben, dass ich mir das biografische Gehüpfe erspare.

Für Schauspielseminare bist du in die USA gegangen. Das klingt nach dem Traum von Freiheit schlechthin.
Ich habe eine anderthalbjährige Weltreise gemacht und hatte noch eine Arbeitserlaubnis für die USA. Ich wollte eigentlich Firejumper werden, da springt man in Waldbrände hinein. Erst lange nach meinem Studium in Berlin habe ich aber Schauspielworkshops gemacht. Weil ich ja speziell das Spielen vor der Kamera lernen wollte, das in den USA gelehrt wird.

So eine Weltreise geht sicher mit dem Erlebnis von Freiheit einher. Aber welche Bahnfahrt ist dir in Erinnerung geblieben, bei der du solch ein Gefühl im Bauch hattest?
Bahnfahren finde ich nicht abenteuerlich, sondern eher beruhigend. Du steigst ein und weißt, wo du ankommst. Aber es ist ein besonders intensives Reisen. Du reist durch alle Orte hindurch, nimmst alles wahr. Bahnreisen wird bei mir daher immer als Lebenszeit einkalkuliert. Da kann ich essen, schlafen, lesen. Ich freue mich nach einem langen Drehtag genau darauf.

Michael de Boer

Du bist kurz nach dem Mauerfall nach Berlin gezogen und dort als Musiker in das Partyleben abgetaucht. Vermisst du dieses Lebensgefühl manchmal?
Das war eine wilde Freiheit in Berlin: keine Bullen, kein Telefon. Keiner wusste, wo du gerade bist. Der Techno hat Ost und West zusammengebracht – da war egal, wo man herkam. Ich denke gern an die Zeit zurück.

In der neuen Serie „West of Liberty“ spielst du einen Ex-Stasi-Spitzel. Wie hast du die Geschichte und Geschichten in den ersten Nachwendejahren erlebt?
Die Familie von meinem Vater kommt aus Thüringen. Ich war deshalb schon zu DDR-Zeiten dort. Es hat sich immer angefühlt, als führe man hinter den Eisernen Vorhang. Beim ersten Silvester mit wildfremden Menschen am Brandenburger Tor ist mir klargeworden: Der Drang nach Freiheit überwindet einfach alle Widerstände.

Bald bist du wieder als Kommissar Falke im Tatort zu sehen. Wie viel Freiheit hast du bei der Interpretation deiner Rolle?
Ich kann mich sehr einbringen, aber nur als Falke, nicht als Wotan. Keiner kennt ihn nach den zwölf Fällen so gut wie ich. Denn beim Tatort haben wir wechselnde Autoren und Regisseure. Ich und Falke bleiben die Alten. Ich kenne seinen Humor und weiß, wie er in bestimmten Situationen reagieren würde.

Du hast die Figur mitentwickelt. Wie viel steckt von dir in der Figur?
Ich hab mir den immer so vorgestellt als einen, mit dem ich gern Bier trinken würde. Man muss ja alle seine Figuren lieben, auch Kinderschänder. Aber Falke ist eine Figur, der ich besonders nahestehe. Obwohl er ganz viel ist, was ich nicht bin: ein bisschen unzugänglich und manchmal wortkarg. Nicht wie ich Familienmensch, sondern eingefleischter Junggeselle.

„Kinder brauchen alle Freiheiten und liebevolle Führung“

Im Tatort geht es naturgemäß um Mord. Die Gewalt in der Serie „Parfum“, in der du eine der Hauptrollen spielst, hat viele geschockt. Was fasziniert die Zuschauer so an dieser Brutalität?
Ich war erstaunt über die Reaktionen auf „Parfum“. Denn was gezeigt wird, haben wir schon 1.000-fach gesehen. Aber es ist das subtile Gewaltpotenzial von jeder einzelnen Figur, was das Ganze so bedrückend macht. Ich glaube, generell entsteht die Faszination so: In den Filmen werden Abgründe offenbart. Und so musst du dich als Zuschauer nicht mit deinen eigenen Abgründen auseinandersetzen – oder kannst dies eben in einem fiktiven Rahmen tun. Ganz ohne wirkliche Gefahr.

1 / 1Wotan Wilke Möhring zeigt beim Fotoshooting mit dem „Mein Bahnhof“-Team, dass er nicht nur Familienmensch ist. Auch den Studio-Hund hat er gleich ins Herz geschlossen./Michael de Boer

Wir sind in den Zeiten der großen Serien auf Netflix und Co. Wie verändert das deutsche Produktionen und deinen Beruf als Schauspieler?
Am meisten verändert die technische Möglichkeit des Streamens. Wir sind nicht mehr an Sendezeiten gebunden. Wir können gucken, wann und wo wir wollen. Für die Entwicklung von Figuren sind diese langen Formen eine tolle Herausforderung. Aber mein Eindruck ist: Die Spannung wird oft so groß aufgebaut, dass das Finale meist enttäuscht.

Zu Beginn haben wir über deine Kindheit und Jugend gesprochen. Mittlerweile hast du selbst drei Kinder. Wie viel Freiheit muss man Kindern lassen, wie viel Sicherheit muss man ihnen geben?
Man muss ihnen alle Freiheit geben. Damit meine ich, dass sie selbstbestimmt sind. Dass man ihren Willen akzeptiert. Aber ein Kind braucht zunächst natürlich liebevolle Führung, weil es nicht allein lernen kann. Es ist paradox: Du bringst ihnen das Wort „nein“ bei und dann musst du akzeptieren, wenn sie nein sagen. Ich will meine Kinder in die Freiheit schicken, sie zu selbstbewussten Menschen erziehen. Das beinhaltet auch, ein Vorbild für sie zu sein. Da kann man eben nur das Handy verbieten, wenn man selbst nicht die ganze Zeit daddelt.

Möhring ist diesen Herbst mit „Das perfekte Geheimnis“ (ab 31.10.) im Kino zu sehen und im TV gleich zweimal: in der Serie „West of Liberty“ (24. und 25.11.19, ZDF) und im neuen „Tatort: Querschläger“ (08.12., DAS ERSTE).

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