Udo Lindenberg: Vollrausch
der Liebe

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  • Autor: Sascha Tegtmeier
  • Fotos: Tine Acke

Deutschlands Rock-Ikone über Liebe, Heimat, geplatzte Träume und eine legendäre Bootsfahrt mit Marius Müller-Westernhagen.

Vor zehn Jahren feierte Udo Lindenberg sein Comeback. Ende letzten Jahres hat er sein neues Live-Album „MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“ herausgebracht. Ab Mai geht Deutschlands Rock-Ikone nun auf große
Stadiontour. Im Interview erzählt er von Höhenflügen, geplatzten Träumen und davon, was Liebe damit zu tun hat. Außerdem verrät der 72-Jährige, was für ihn Heimat bedeutet, warum er Lady Gaga hört und wie er bei einer Bootsfahrt mit Marius Müller-Westernhagen zu dem wurde, was er heute ist: zur Kunstfigur Udo.

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Hut, Sonnenbrille, unter der Skinny-Hose blitzen grüne Socken hervor: Der Mann, der mit federndem Gang das Berliner Fotostudio betritt, sieht nicht nur bis zum letzten Detail nach der Rocklegende Udo Lindenberg aus. Er ist es wirklich. Rock-’n’-Roll-Coolness der alten Schule. „Ey, hallo, alles easy“, sagt der 72-Jährige zu Beginn des Fotoshootings mit „Mein Bahnhof“ und wirft die lindenbergsche Reimmaschine an. Ready,Freddy. Eierlikör, Feierlikör. Dieses Getränk steht neben frischem Ingwertee für den Mann bereit, den alle nur Udo nennen.

Udo, wenn du auf die Welt im Jahr 2019 schaust: Ist jetzt die Zeit für Panik gekommen?
Nein, Panik hilft da nicht. Es gibt Typen auf der Welt wie Trump und Putin mit ihrem Nationalgedröhn. Gerade wir in Deutschland sind verpflichtet, friedenspolitisch einen Schritt voranzugehen. Und wir müssen auch international handeln, um Probleme zu lösen: den Klimawandel zum Beispiel.

Und wie steht es mit der, wie du sie getauft hast, „Bunten Republik Deutschland“?
Es gibt bei uns an den Rändern zwar ein paar Gestörte. Es fehlt aber auch die richtige Ansprache seitens der Politik, die sagt: Schutzsuchende sind willkommen, aber Kriminelle müssen weg. So entsteht ein Vakuum, in dem alte Ressentiments hochkommen. Aber die riesige Mehrheit lebt nicht in der Vergangenheit. Letztes Jahr waren es 300.000 in Berlin, die für ein weltoffenes Deutschland demonstriert haben. Politik ist Udo ein Anliegen, das merkt man. Er spricht sehr überlegt, ohne sein typisches Nuschel-Stakkato. In Momenten, die ihm wichtig sind, lässt er mit seiner Stirn den Hut ein wenig auf und ab tanzen.

Was bedeutet Heimatliebe für dich?
Vor allem Freundschaften. Ich bin ja viel rumgerattert und egal, ob ich in New York oder im Ruhrgebiet bin: Dort, wo meine Freunde sind, ist meine Heimat. Dort, wo ich meinen Hut hinhänge, bin ich zuhause. Und für mich ist Heimat kulturelle Identität, die deutsche Sprache vor allem.

Deine Stiftung fördert Bands mit deutschsprachigen Texten. Du selbst hast nach einer ersten Platte auf Englisch dann 1972 erstmals auf Deutsch gesungen. Wie bist du darauf gekommen?
Wir wussten nicht genau, wie das geht, deutsche Texte und Rockmusik. Anfang der 70er habe ich erste deutsche Texte auf Bierdeckel geschrieben. (Er singt.) „Hoch im Norden, hinter den Deichen.“ Wichtig war, wie man die Texte rüberbringt. Da hat es gut gepasst, dass ich nicht so ein richtiger Sänger war mit Vibrato im Hals.

1 / 3Seine ersten musikalischen Gehversuche macht Udo Lindenberg Ende der 60er-Jahre als Schlagzeuger. Mit dem Album „Alles klar auf der Andrea Doria" beginnt 1973 der steile Aufstieg als Sänger. Nach weiteren Studioalben feiert er 1983 mit dem Song „Sonderzug nach Pankow“ seinen bis dahin größten kommerziellen Erfolg./Tine Acke
2 / 3In den 90er-Jahren wird es ruhiger um den Mann mit Hut. Alles droht zu zerplatzen: Karriere, Reichtum und Gesundheit./Tine Acke
3 / 3Doch Udo kommt zurück: Mit „Stark wie Zwei“ (2008) stürmt er auf Platz 1 der deutschen Albumcharts. Ebenso erfolgreich wird „Stärker als die Zeit“ (2016). Im Dezember 2018 erscheint sein zweites Unplugged-Album, „MTV Unplugged 2 – Live vom Atlantik“./Tine Acke

Wie haben die Leute beim ersten Auftritt reagiert?
Mir war gut schwindelig, 15 Doppelkorn im Kopf. Den Leuten war Rock auf Deutsch so fremd, dass sie fast meinten, das sei illegal. Manche haben sich auch schlappgelacht. Da dachte ich: Das ist der Weg. Ich muss weiter herumexperimentieren, immer genauer werden.

Udo hat sich mit seinen Doppelkorn-Erinnerungen an die 70er warmgeredet. Er antwortet immer mehr im Sprechgesang. Ich will jetzt mit Udo über ganz persönliche Dinge sprechen: über die Liebe.

1973 hast du das Liebeslied „Cello“ aufgenommen. Dann im Jahr 2011 erneut, gemeinsam mit Clueso für dein erstes Unplugged Album. Wie hat sich dein Blick auf die Liebe in den 40 Jahren Rock ’n’ Roll dazwischen verändert?
Ich habe sehr berauschende Zeiten der Liebe erlebt, aber auch sehr zerstörerische. Das Mädchen aus „Cello“ war meine erste Liebe. Sie wurde nicht erwidert. So hat sich schon ganz früh eine Trauer in mich hineingeschlichen. Deswegen kann ich noch heute so gut Liebeslieder singen. (Er lacht.)

Du hast nie geheiratet, keine Familie gegründet. Ist ein bürgerliches Leben der Feind der guten Kunst?
In meinem Fall schon. Ich brauche immer wieder die Irritation des Neubeginns. Ich bin mit der Kunst verheiratet. Das ist meine Liebe – eine sehr fordernde Geliebte. Sie lässt eine konventionelle Zweierbeziehung nicht zu. Bürgerliche Liebe macht die Musik schlapper.

Songs wie „Mädchen aus Ostberlin“ oder „Horizont“ gehören zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Liebesliedern aller Zeiten. Wie singt man über Liebe, ohne kitschig zu klingen?
Das sind echte Storys. Eins zu eins. Die Leute kriegen nasse Augen, weil sie etwas Ähnliches erlebt haben. Zum Beispiel das Mädchen aus Ostberlin, das ich 1973 traf. Ich war sehr geflasht von ihr, es gab Eierlikör und Schmusefix. Dann sagte sie zu mir: „Du kannst hier nicht bleiben.“ Zurück im Westen habe ich einen Freund angerufen, ihm die Geschichte erzählt. Er hat gesagt: „Schreib das genauso auf.“

„Ich schaue den Menschen tief in die Seele.“

Du bist ein Musiker, der eine andere Art der Liebe in besonderem Maße erlebt: die Fanliebe.
Ja, das ist eine unglaublich starke Liebe, die mich durch schwere Zeiten getragen hat und noch heute durch eine Dreistundenshow trägt. Die Bühne ist mein Eldorado und ich liebe es, ganz nah an die Fans heranzukommen – mit meinem Fluggerät bei den Shows bis in die hinterste Ecke. Und dann nehme ich meine Brille ab und schaue den Menschen tief in die Seele.

Udo nimmt immer mal wieder seine Brille ab – als Effekt. Dann funkeln blaue Augen zwischen Kajal-Lidern hervor. Aber nur für einen kurzen Moment, dann setzt er schnell wieder die Brille auf, als müsse er sein Gegenüber vor zu viel Strahlung schützen.

Du hast deine Beziehung zu Ostberlin angesprochen – du wollest ja den Sonderzug nach Pankow herbeisingen. Was für Geschichten verbindest du mit dem Zugfahren?
Ich fahre gern mit der Bahn. Deswegen gibt es ja auch einige Zuglieder von mir. Mein berühmtestes ist der Sonderzug. Aber kennst du dieses hier? (Er singt.) „Auf dem Bahnsteig des Lebens fahren die Züge wieder los, Tränen auf den Schienen, die Liebe war so groß.“

Wirst du im Zug nicht von Fans belagert – oder fährst du inkognito?
Ja, genau: Ich steige da getarnt ein. Einen Hoodie übergezogen. Kleinen Moustache angemalt. Und wenn mich trotzdem einer erkennt, sage ich: „Ich bin sein Double.“ Die glauben es selten, aber man kommt ins Gespräch und so entstehen Ideen für Songs – auf der Straße oder eben auch mal im Zug.

Dein Freund Benjamin von Stuckrad-Barre beschreibt in dem Buch „Panikherz“, wie du dir in den USA vor den Augen des Grenzpolizisten eine Zigarre anzündest. Läufst du immer in dieser Rolle durchs Leben oder gibt es einen nichtöffentlichen Udo?
Nee, den gibt es nur ganz selten. Eigentlich nur nachts im Rennauto. Ich fahre mit 300 km/h allein durch den Nebel, umweltfreundlich mit einem Hybrid. Als wir damals in L. A. gelandet sind, habe ich einfach gesagt: „We have a band, the panic orchestra.“ Oft denken die Menschen über mich, dass ich ein bisschen undicht sei. Aber ich bin gern verrückt. Die Unverrückten haben unsere Welt genug kaputtregiert.

1 / 1Lindenberg 2018 mit „Kids on Stage“ bei der Live-Aufnahme des Liedes „Wir ziehen in den Frieden“./Warner Music

Du hast in den 70er-Jahren mit Otto Waalkes zusammengelebt. Otto soll damals schon so aufgetreten sein wie heute, du aber noch ohne Hut und Nuscheln. Wann hat diese Verwandlung stattgefunden? Es soll da eine Bootstour mit Westernhagen gegeben haben …
Ja, das stimmt. Wir hatten damals mit 15 Leuten ̓ne alte Villa am Wasser. Da ging das mit Otto gerade los. Marius und ich haben eines Nachts ein Ruderboot gekapert und sind mit einem Kasten Bier auf die Alster. Ich bin ja meereserprobt, aber Marius rief: „Ich kann nicht schwimmen!“ In dem Boot haben wir beschlossen: Wir müssen so Sachen machen, dass die Leute uns für verrückt halten. Und das gilt heute noch. Sich nach dem Radio-Mainstream zu richten, das bringt nichts.

Wenn die Geschichte wirklich stimmt, dann beschreibt sie die Geburt der Kunstfigur Udo. Die Erinnerung an die Bootstour jedenfalls verändert ihn in diesem Moment. Er spricht normal, fällt aus seiner Rolle. Wohl ein seltener Moment.

Du bist hoch hinaus und in den 90ern abgestürzt. Alles ist auf einmal zerplatzt: Karriere, Reichtum und deine Gesundheit. Du wurdest mit 4,6 Promille ins Krankenhaus eingeliefert.
Ich liebe es, abzuheben. Ich neige aber dazu, es zu übertreiben. Ich habe versucht, die Krise als Erkenntnistrinker zu meistern, als Erleuchtungsschluckspecht. Denn ich brauchte neue Texte. Ich war viel auf der Reeperbahn oder in Berliner Kneipen – immer mit Zetteln, um Texte aufzuschreiben. Ich hatte eine fiese kleine Midlife-Krise.

Wie hast du es von dort zu deinem großen Comeback mit „Stark wie Zwei“ im Jahr 2008 geschafft?
Irgendwann dachte ich mir, dass ich mal wieder richtig klar werden muss. Ich möchte nicht so Elvis-mäßig wegglitschen, möchte kein Rock-’n’-Roll-Mops werden. Ich wollte wieder schnell auf die großen Bühnen. In dieser Situation hatte ich das Glück, die richtigen Leute wie Jan Delay zu treffen. Der Erfolg hat mich total umgehauen.

1 / 3Nach dem „Mein Bahnhof"-Fotoshooting bestand Udo Lindenberg darauf, mit allen Beteiligten anzustoßen – natürlich pflichtgemäß mit Eierlikör. /Michael Romacker
2 / 3Ansonsten hielt sich die Rocklegende an frischen Ingwertee. Der guten Stimmung tat dies keinen Abbruch. /Michael Romacker
3 / 3Ab sofort gibt es die Frühjahrsausgabe von „Mein Bahnhof" kostenlos an 50 Bahnhöfen deutschlandweit./Mein Bahnhof

Du bist 72 Jahre alt und gehst Ende Mai auf Stadion-Tournee. Wie bereitest du dich körperlich darauf vor?
Ich jogge nachts und höre dabei Musik.

Was hörst du beim Joggen?
Im Moment Lady Gaga. Die würde ich gern für mein Unplugged 3 gewinnen. Auch sie hat sich immer wieder neu erfunden.

Schon vor 25 Jahren hast du den Lebenswerk-Echo bekommen, seit zehn Jahren feierst du Comeback. Wie lang kann das noch so weitergehen?
Ich bin vom Club der 100-Jährigen. Das musste ich meinen Fans versprechen. Ich mache nicht mehr die Sauferei nach der Mengenlehre, nicht mehr 15 Zigarren am Tag. Und wenn ich 100 bin, dann ist die Medizin wieder einen Schritt weiter und ich hänge noch 30 Jahre und einen Lebenswerkpreis dran.

 

UDO LINDENBERG – LIVE 2019:

31.05. Bremen ÖVB Arena AUSVERKAUFT
01.06. Bremen ÖVB Arena Zusatzkonzert
04.06. Frankfurt Festhalle
07.06. Berlin Mercedes-Benz Arena AUSVERKAUFT
08.06. Berlin Mercedes-Benz Arena Zusatzkonzert
11.06. Leipzig Arena AUSVERKAUFT
12.06. Leipzig Arena Zusatzkonzert
14.06. Erfurt Messehalle AUSVERKAUFT
15.06. Erfurt Messehalle Zusatzkonzert
18.06. München Olympiahalle
20.06. Hamburg Barclaycard Arena Zusatzkonzert
21.06. Hamburg Barclaycard Arena AUSVERKAUFT
22.06. Hamburg Barclaycard Arena AUSVERKAUFT
25.06. Hannover TUI Arena
28.06. Köln LANXESS arena
29.06. Köln LANXESS arena Zusatzkonzert
02.07. Mannheim SAP Arena
03.07. Mannheim SAP Arena Zusatzkonzert
05.07. Stuttgart Hanns-Martin-Schleyer-Halle
06.07. Stuttgart Hanns-Martin-Schleyer-Halle Zusatzkonzert
09.07. Oberhausen König-Pilsener-Arena
12.07. Dortmund Westfalenhalle
13.07. Dortmund Westfalenhalle Zusatzkonzert

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