Reportage: Durchgemacht in Dresden

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  • Autor: Christin Weigelt
  • Fotos: Frank Grätz

Wenn es Nacht wird in Dresden-Neustadt, erwacht der Bahnhof zu neuem Leben. Um diesen ganz eigenen Kosmos zu erforschen, hat unsere Autorin von 22 Uhr bis 7 Uhr morgens Menschen begleitet, die sich in der Nacht besonders gut auskennen.

Wenn Gabriele Roth um 22.30 Uhr die Rollläden des DB-Information-Häuschens herunterlässt, beginnt eine neue Zeitrechnung: Es wird Nacht am Bahnhof Dresden-Neustadt. Die Geschäftigkeit des Tages weicht aus der historischen Halle. Frau Roth hat Feierabend, doch ihr Bahnhof erwacht zu neuem Leben. Dies will ich nicht verpassen und mache mich auf die Suche nach denen, die jetzt zur Höchstform auflaufen.

22.50 UHR: DAS SUPERHIRN SCHLÄFT NIE

Auf den Bahnsteigen vermischen sich beide Welten: Für die einen ist der Tag vorbei, sie warten auf den Zug nach Hause. Für die anderen beginnt das Abenteuer Nacht. Ein Junggesellinnenabschied mit Frauen in Petticoats stößt mit Sekt an. Am Gleis 3 begrüßen sich Männer, die sich mit viel Aftershave auf die Nacht vorbereitet haben.

Frank Grätz

Im zweiten Stock des Gebäudes bricht derweil für Anke Schmidt und Friedemann Eichler die fünfte Stunde ihrer Nachtschicht an. In dem geräumigen, fensterlosen Raum der 3-S-Zentrale sitzen die Bahnangestellten jeweils an einem Schreibtisch in Kleinlasterlänge. Neben zwei PC-Monitoren flimmern an jedem Arbeitsplatz sieben weitere Bildschirme. Auf einigen sind Bilder von Überwachungskameras zu sehen, andere zeigen Schienennetze.

Die drei S stehen für Sauberkeit, Sicherheit und Service. Und das beschreibt genau, was Schmidt, Eichler und Kollegen rund um die Uhr tun: Sie kümmern sich darum, dass der Bahnhof sauber bleibt, sorgen für Sicherheit und sind Ansprechpartner für Reisende, die irgendwie in der Klemme stecken. Die 3-S-Zentrale ist das Hirn des Bahnhofs, genauer: ein Superhirn, das seine Augen und Ohren überall hat. Im Nebenzimmer sitzt Bundespolizist Reich, der im Ernstfall zur Stelle ist.

23.15 UHR: HERZSCHLAG IM TAKT DES BASSES

Während im zweiten Stock die 3-S-Zentrale als Hirn des Bahnhofs arbeitet, pocht in den Katakomben des Gebäudes das Herz. Hier öffnet um 23 Uhr der Electro-Club TBA seine Türen. Ein „Hafen der Glückseligkeit für alle Nachtschwärmer und Traumtänzer“ heißt es auf der Website.

Über eine Treppe steige ich vom Bahnhof aus direkt hinab in den Club im Kellergeschoss, in eine Art Unterwelt. Die Musik ist schon von draußen zu hören und vor allem zu spüren: Die Wände am Eingang vibrieren unter dem Bass der Anlage. Durch einen schmalen Eingangsbereich gelange ich vorbei an der Garderobe in ein schwarzgestrichenes Kellergewölbe – zum Dancefloor. In einem Metallkäfig thront der DJ an seinem Pult. Die ersten Gäste stampfen bereits im Takt des Technos.

1 / 3Hellwach dank Mate und Orangensaft: Night Manager Philipp/Frank Grätz
2 / 3Verbringt die Nacht an den Turntables: der britische DJ Radio Slave/Frank Grätz
3 / 3Herz des Bahnhofs: der Electro-Club TBA/Frank Grätz

Hinter dicken Vorhängen befindet sich die Bar des Clubs. Hier treffe ich Philipp. Der 27-Jährige ist Night Manager im TBA. Er ist der Erste, der den Club betritt, und der Letzte, der geht. Seine Aufgabe ist es zu helfen, sobald Probleme auftauchen. Wenn die Technik ausfällt zum Beispiel oder es Ärger mit Betrunkenen gibt. Er wird frühestens um 9 Uhr Feierabend machen, rund zehn Stunden hat er noch vor sich. Philipps Geheimrezept, um die regelmäßigen schlaflosen Nächte durchzustehen? „Viel Wasser, Mate und Orangensaft im Wechsel“, sagt er. Die langen Nächte machen ihm nichts aus. Im Gegenteil: „Je später die Party startet, desto ekstatischer ist am Ende der Höhepunkt“, sagt Philipp.

1.00 UHR: ÄRGER AM GLEIS

In der 3-S-Zentrale erstarrt Anke Schmidts Blick, als sie etwas auf einem der Bildschirme entdeckt. Dann springt sie schnell von ihrem Bürostuhl auf und eilt ins Nebenzimmer. „In Radebeul Ost sind sie auf den Gleisen“, ruft sie dem Bundespolizisten Reich zu. Auf dem Bildschirm vor Schmidts Schreibtisch sind drei bis vier Personen zu sehen, die vom Gleis aus auf den Bahnsteig klettern. In den grau-grünen Farben der Überwachungskamera verschwimmen ihre Gesichter. Reich hat bereits eine Streife am Bahnhof alarmiert.

1 / 2Hochkonzentriert durch die Nacht: die Kollegen Schmidt und Eichler/Frank Grätz
2 / 2Kaffee und Cola helfen Anke Schmidt gegen die Müdigkeit./Frank Grätz

Nach der kurzen Aufregung kehrt in der 3-S-Zentrale wieder Ruhe ein, die ein gutes Gefühl vermittelt: alles unter Kontrolle. Weitere fünf Stunden dauert die Nachtschicht von Anke Schmidt und Friedemann Eichler. Wie hält man so eine Nacht durch, wenn man nicht feiert, sondern hochkonzentriert arbeiten muss? „Übungssache“, sagt Frau Schmidt bestimmt. Seit 34 Jahren ist sie im Schichtdienst. Neben viel Kaffee und Cola setzt die 51-Jährige vor allem auf eines im Kampf mit dem Schlafhormon Melatonin: Nach der Nachtschicht nicht zu lange schlafen, sonst ist der Rhythmus endgültig „im Eimer“.

Um kurz nach 1 ist in der 3-S-Zentrale noch längst nicht an Schlaf zu denken. Was auffällt, ist aber die Stille. Unterbrochen wird sie nur ab und zu durch das Klingeln des Telefons, dem kurze professionelle Gespräche folgen.

1.50 UHR: WER ZUR NACHT PASST

Im Backstage-Bereich des TBA dagegen versteht man sein eigenes Wort kaum, die nikotinschwere Luft ließe sich schneiden. Hier bin ich mit Stephan verabredet. Als sogenannter Selector entscheidet er darüber, wer im TBA feiern darf und wer nicht. „Was wir nicht haben wollen, sind rechtes Gedankengut, Macker-Gehabe oder Sexismus“, erzählt er, bevor er sich eine weitere Zigarette anzündet. Heute scheint das Publikum im Club gut ausgewählt zu sein. Auf der Tanzfläche reißen die Gäste die Hände in die Luft, feiern jeden einzelnen Ton.

1 / 2Entscheidet, wer in den Club darf: „Selector“ Stephan/Frank Grätz
2 / 2Im Backstage-Bereich des TBA/Frank Grätz

2.20 UHR: ZEICHEN EINES NEUEN TAGES

In der 3-S-Zentrale schenken Frau Schmidt und Herr Eichler noch einmal ordentlich Kaffee nach. Beschäftigt hat sie zuletzt ein kaputter Fahrstuhl, in dem ein Fahrgast feststeckte. Auf dem Bildschirm ganz rechts oben ist nun zu sehen, wie stapelweise Zeitschriften vor einem Geschäft abgeladen werden. „Die Lieferung für den Presse- und Buchladen kommt immer gegen 2“, sagt Eichler. „Für uns ist das das Zeichen: Die letzten Stunden der Schicht brechen an, in den Bahnhof kommt ganz langsam wieder Leben.“

1 / 1Seit 34 Jahren im Schichtdienst: Anke Schmidt/Frank Grätz

Auch Frau Schmidt hat noch eine Aufgabe zu erledigen. An der Wand auf dem Weg zur Kaffeeküche hängt ein Kalender. Es ist einer von denen, die für jeden Tag ein eigenes Kalenderblatt haben. Schmidt klappt es um. Nun ist ganz offiziell Sonntag, ein neuer Tag. „Wäre das auch erledigt“, sagt sie zufrieden.

3.40 UHR: HÖHEPUNKT DER PARTYNACHT

Im TBA denkt in diesem Moment niemand an morgen. Die Nacht steuert auf ihren Höhepunkt zu. Es ist heiß und der Bass donnert hartnäckig durch das Kellergewölbe. Die ersten Gäste haben ihre T-Shirts ausgezogen und tanzen direkt vor dem Gitter des DJ-Pults. Dort hat DJ Coline das musikalische Steuer übernommen. Die 40-Jährige steht schon fast ihr halbes Leben hinter den Turntables, die Nacht ist ihr Metier.

1 / 2„Das hält man nur durch, wenn man wirklich fit ist“: DJ Coline/Frank Grätz
2 / 2Die 40-Jährige an den Turntables./Frank Grätz

Das DJ-Dasein ist für sie nicht nur ein Job, sondern ein Lebensstil. „Wenn mein Set startet, nehme ich die Leute auf eine Reise mit“, sagt sie. Und das passe hier am Bahnhof besonders gut. „Das ist vergleichbar mit dem Moment, in dem ein Zug langsam anfährt und dann durch die Nacht düst“, sagt Coline. Sie wirkt hellwach und feuert mit rhythmischen Armbewegungen ihr Publikum an. „Das hält man nur durch, wenn man wirklich fit ist“, ruft sie durch eine Wand aus Musik. „Ein DJ ist eben ein Leistungssportler“, sagt Coline und lacht.

4.45 UHR: GERUCH VON FRISCHEN KÄSEBRÖTCHEN

Der Aufstieg in die Bahnhofshalle ist ein Genuss für einen anderen Sinn: Der Geruch von frisch gebackenen Käsebrötchen liegt in der Luft, die Bäckerei am Haupteingang hat bereits aufgemacht. Ich setze mich erschöpft auf eine der Wartebänke und versuche das Melatonin zu verdrängen. Ob Frau Schmidt mich wohl gerade auf einer ihrer Überwachungskameras sehen kann? Zwei Polizisten laufen Streife und eine Frau mit Koffer will gleich nach Berlin fahren. Ist denn die ganze Welt darauf trainiert, nachts um 4 topfit zu sein?

Frank Grätz

06.30 UHR: DIE ENERGIE DER NACHT

Auf der Bordsteinkante vor dem Bahnhof trinken Moritz, Lutz, Lena und Hanna das vorerst letzte Bier für heute. Die vier Studenten haben die ganze Nacht im TBA getanzt, jetzt beraten sie darüber, wie es weitergehen soll. „Wahrscheinlich erstmal brunchen“, meint Moritz. Über dem Bahnhof wird es jetzt langsam hell. Ein neuer Tag bricht an, obwohl der alte doch nie aufgehört hat.

1 / 2Erstmal brunchen: Dresdner Studenten nach durchtanzter Nacht/Frank Grätz
2 / 2Bis in den frühen Morgen donnert der Bass durch das TBA./Frank Grätz

Im fensterlosen Club hat keiner der Gäste mitbekommen, dass es draußen längst dämmert. Tag und Nacht verschwimmen hier zu einer grauen Masse. Wann die Zeit zum Schlafen gekommen ist, bestimmt nicht der Stand der Sonne, sondern nur der Rhythmus der Musik. Auch Christoph, der Inhaber des TBA, denkt noch lange nicht ans Schlafen. Er ist leidenschaftlicher Nachtmensch. „Ich wünsche mir, dass die Gäste die Energie der Nacht aus dem Club mit in die reale Welt nehmen.“ Die Melatonin-Ausschüttung scheint sein Körper aufgegeben zu haben.

07.10 UHR: AUFGEWACHT

Auf den Bahnsteigen zwei Stockwerke über dem TBA warten jetzt die ersten Fahrgäste auf ihre Züge. Vor dem Bäcker in der Eingangshalle hat sich eine Schlange gebildet. Der Bahnhof erwacht und die Magie der Nacht macht Platz für den Zauber des Tages. Und während das Hirn des Bahnhofs weiterhin unter Hochdruck arbeitet, wird der Herzschlag im Keller allmählich immer langsamer. Den Rhythmus des Tages nimmt ein Kollege von Gabriele Roth auf, indem er ratternd den Rollladen der DB-Information hochzieht.

Roland Brückner / BITTESCHÖN.tv

Christin Weigelt (rechts) ist Redakteurin und lebt in Berlin. Ihr Ritual für den Morgen nach einer durchzechten Nacht: Pizza zum Frühstück, viel Espresso und Serienschauen auf der Couch.

Frank Grätz (links) ist Fotograf und lebt in Dresden. Er arbeitet für Firmen, Agenturen und Magazine. Die Nacht ist für ihn besonders, weil sie einen Dinge tun lässt, an die man bei Tage nicht mal denkt.

BAHNHOF DRESDEN-NEUSTADT

Nach dem Hauptbahnhof ist Neustadt der zweitgrößte Bahnhof in Dresden. 1901 fuhr der erste Zug von hier aus ab, heute ist der Bahnhof einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte der Stadt. Die Dresdner Neustadt gilt als das Szene- und Ausgehviertel der sächsischen Hauptstadt.

BURGER KING

Als Stärkung vor dem Feiern oder für den Heißhunger danach: Pommes, Cheeseburger oder Chicken Nuggets gibt’s im Neustädter Bahnhof am Wochenende bis 3 Uhr nachts. Und auch den Beat aus dem TBA hört man in den Sitzecken des Fast-Food-Restaurants noch.

BÄCKER REIMANN

Nachtschwärmer und Frühaufsteher bekommen in der Traditionsbäckerei schon in den frühen Morgenstunden frische Käsebrötchen und andere leckere Backwaren. Montags bis samstags öffnet Bäcker Reimann um 5 Uhr, am Sonntag bereits um 4 Uhr.

LUDWIG. PRESSE + BUCH

Die Sonntagszeitung, ein Taschenbuch für die Zugfahrt oder ein kleines Last-Minute- Souvenir für die Daheimgebliebenen können Bahnhofsbesucher in Dresden-Neustadt bei LUDWIG erstehen. Um 5 Uhr öffnet der Presse- und Buchladen von montags bis samstags. Sonntags kann hier ab 6:30 Uhr geshoppt werden.

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