Harald Martenstein über Mut im Zug

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  • Autor: Harald Martenstein
  • Fotos: Miriam Göhn

Der Autor und Zeit-Kolumnist wünscht Bankräubern mehr Feigheit und sich selbst mehr Mut, Frauen im Zug anzusprechen – ganz ohne sie anbaggern zu wollen.

Einer der dümmsten Sätze, die man sagen kann, lautet: Ich bin mutig. Man weiß das immer erst hinterher, dann, wenn man Mut gebraucht hat. Und falls man tatsächlich im Leben mal eine Mutprobe besteht, kann es beim nächsten Mal natürlich anders ausgehen, man versagt. Wer ist schon immer mutig, in jeder Situation? Ein bisschen kommt es wohl auf die Tagesform an.

„Ob Mut eine Tugend ist oder Irrsinn, hängt von den Umständen ab“

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Mut wirklich eine Tugend ist. Ein Gangster, der eine Bank überfällt, braucht auch Mut. Dem Gangster wäre ein bisschen Feigheit zu wünschen, dann würde er nicht in den Knast kommen und die Bank hätte weniger Scherereien. Ob Mut eine Tugend ist, ein Irrsinn oder eine Problemursache, hängt ganz von den Umständen ab. Das sind so die größeren Gedanken.

Im kleinen Alltag brauche ich zum Glück nur den kleinen Mut, zum Beispiel beim Zugfahren. Das ist ja die geselligste Form des Reisens. Nur die Postkutschen waren noch geselliger, vermute ich. Ich bin ungesellig. Ich habe ein bisschen Angst davor, Leute anzusprechen. Oft sitze ich im Speisewagen einer Person gegenüber, die ein interessanter Gesprächspartner sein könnte. Warum glaube ich das? Ich habe keine Ahnung, nach welchen Kriterien ich es entscheide. Besonders schwierig ist es, wenn das Gegenüber eine Frau ist. Womöglich denkt die, ich will sie anbaggern.

Frauen, die, nach meinen Kriterien, gut aussehen, spreche ich deshalb nie an. Ich denke, dass diese Person wahrscheinlich tatsächlich oft angebaggert wird, der Anfangsverdacht gegen mich wäre sofort viel größer. Gewiss, es ist legitim, zu flirten, solange man gewisse Grenzen respektiert. Aber wenn ich doch gar nicht flirten will oder mir dieser Wunsch zumindest nicht bewusst ist, diese Frau denkt es aber und sie gibt mir zu verstehen, dass sie mich zu durchschauen glaubt und ich wohl verrückt bin, weil ich mit einer Frau wie ihr zu flirten wage – sehr unangenehm. Wenn ich aber eine Frau anspreche, die nach meinen Kriterien nicht attraktiv ist, und sie denkt, ich will sie anbaggern, dann ist mir das auch nicht recht. Ich spreche lieber Männer an. Aber das geht eigentlich auch nicht.

Männer sind im Zug häufig beschäftigt, sie sehen nicht einmal aus dem Fenster. Sie lesen, arbeiten Papiere durch oder tippen auf Geräten herum. Frauen tun das auch, aber nicht mit dieser grimmigen Entschlossenheit. Ich will nicht lästig fallen. Und auch ich habe ja im Zug manchmal etwas Dringendes zu tun. Dann, und zwar nur dann, setzt sich mir gegenüber ein sympathischer Mensch hin und will ein Gespräch beginnen.  Der Mensch fragt zum Beispiel: „Wo fahren Sie denn hin? Also ich fahre nach Köln, im Bahnhof soll es da eine schöne Buchhandlung geben, stimmt das?“

 

„Für Small Talk braucht man Mut“

Nun muss ich versuchen, das beginnende Gespräch im Keim zu ersticken, ohne unhöflich, arrogant oder schnöselig zu wirken. Davor habe ich auch Angst, weil es nämlich schwierig ist. Deshalb lasse ich mich manchmal auf ein Gespräch ein, obwohl ich keine Zeit habe, bin maulfaul und ärgere mich über mich selber.

Sogar für so etwas Banales wie Small Talk im Zug braucht man offenbar ein bisschen Mut. Den Mut, „nein“ zu sagen und sich unbeliebt zu machen. Den Mut, auf andere zuzugehen und sich eine Abfuhr zu holen. Ich wäre gern ein bisschen mutiger.

 

 

© c.bertelsmann

Harald Martenstein, 65: Der Journalist und Romanautor („Heimweg“, „Gefühlte Nähe“) schreibt Kolumnen unter anderem für den Tagesspiegel und seit 17 Jahren für die Zeit. Er wurde vielfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis. Martenstein ist ausgewiesener Bahnhofsexperte: Er ist neben dem Mainzer Hauptbahnhof aufgewachsen und war Jurymitglied beim „Journalistenpreis Bahnhof“.

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