Alles andere als stumm

Der DGS-Treff im Düsseldorfer Hauptbahnhof bietet gehörlosen Jugendlichen kulturelle Angebote und unterstützt sie bei Fragen zur Ausbildung.

Bahnhöfe bilden oft den Rahmen für die Kultur von Gehörlosen, denn sie sind auf den Wegen zwischen Wohnung, Schule und Ausbildungsort leicht zu erreichen. Deshalb gibt es im Düsseldorfer Hauptbahnhof seit 2006 einen Treffpunkt für hörgeschädigte Jugendliche.

„Ohne den DGS-Treff wäre ich 
auf die schiefe Bahn geraten, ich war kurz davor“, bekennt Mircan Elmas. Noch vor ein paar Jahren wusste die hörgeschädigte 23-Jährige nichts mit sich anzufangen, wurde ausgegrenzt und hatte schlechte Noten. Heute ist sie eine selbstbewusste junge Frau, die ihre Persönlichkeit gefunden hat und mit beiden Beinen im Leben steht. Wahrnehmung, Orientierung und Kommunikation finden hauptsächlich über Gehör und gesprochene Sprache statt. Für gehörlose oder hörbehinderte Menschen sind Geräusche, Klänge und Stimmen nicht existent oder nur eingeschränkt wahrnehmbar. Sie führen ein Leben in Stille, sind aber alles andere als stumm.

Ohne den DGS- Treff wäre ich auf die schiefe Bahn geraten. 

Die Deutsche Gebärdensprache – kurz DGS –
 ist Kommunikationshilfe und Ausdrucksmöglichkeit. Denn kulturelle Angebote für Gehörlose sind rar und auch die Möglichkeit, Kontakte zu anderen Hörgeschädigten zu knüpfen, 
wird nur selten geboten. Anders ist das im Düsseldorfer Hauptbahnhof.
 Seit 2006 gibt es hier den bundesweit einzigen DGS-Treff für hörgeschädigte oder an der visuellen Sprache interessierte junge Menschen in einem Bahnhof. Die integrative Begegnungsstätte wird von der Graf Recke Stiftung getragen.

Hilfe in allen Lebenslagen

Wie viele junge Hörbehinderte zwischen 16 und 30 Jahren kommt auch Mircan Elmas regelmäßig in den Treff – mittlerweile seit neun Jahren. „Früher war ich jeden Tag hier. Jetzt geht das nur noch mittwochs nach der Berufsschule“, bedauert die 23-Jährige. Vor zwei Jahren hat sie die Ausbildung zur Zahntechnikerin begonnen. Seitdem fährt sie täglich mit Bus und Bahn von Düsseldorf nach Solingen. „Da bleibt nicht mehr viel Zeit“, so die junge Frau, die den Kontakt zu anderen Hörgeschädigten im DGS-Treff nicht missen möchte.

Obwohl sich hier täglich 25 bis 30 Jugendliche treffen, deren „tanzende Hände“ den Raum erfüllen, strahlt die freundliche Atmosphäre 
eine besondere Ruhe aus. An den Wänden hängen Bilder der gehörlosen Künstlerin Barbara Ringwelski, die den Treff als Ausstellungsraum nutzt. Und in der großzügigen Sitzecke lässt es sich gemütlich entspannen. „Eine Runde Kicker spielen, ein Buch lesen, ins Internet gehen oder einfach nur reden – das muss sein“, sagt Mircan, die im DGS-Treff von ausgebildeten Pädagogen und Sozialarbeitern Unterstützung in allen Lebenslagen bekommt.

Wie eine Familie

„Ich wüsste keinen anderen Ort, an dem ich über Probleme – auch sehr private und familiäre –
 so frei sprechen kann. Die vielen guten Ratschläge haben mir geholfen, mit bestimmten Situationen besser umzugehen. Zu Hause ist es nicht möglich, über das zu reden, was mir durch den Kopf geht. Da prallen oft Welten aufeinander“, sagt die gebürtige Düsseldorferin, die aus einer konservativen Familie stammt. Ähnliche Erfahrungen haben Fatma Malla und Goran Gallo gemacht, die ebenfalls eng mit dem Treff verbunden sind. „Die Menschen im DGS-Treff sind wie eine Familie“, so die 32-jährige Fatma. Im Treff hat sie Freunde und Halt gefunden. Und mit Goran ist ihr dort auch die große Liebe begegnet.

Brückenbauer zwischen Gehörlosen und Hörenden

„An Geschichten wie diesen zeigt sich, dass der DGS-Treff für die Gemeinschaft der Hörgeschädigten immens wichtig ist. Wir bieten Raum für gute Kommunikationsbedingungen, die großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit nehmen“, sagt die schwerhörige Sozialarbeiterin Nadja Alibane.

„Der DGS ist weit mehr als ein Freizeittreff, 
in dem man mal eben zum Chillen geht. Unser Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unsere Besucher ihre Persönlichkeit weiterentwickeln und ihre Identität als hörbeeinträchtigter oder gehörloser Mensch finden können“, ergänzt Sabine Blitz, Leiterin des Fachbereichs „Hilfen für Kinder und Heranwachsende mit Behinderung“ in der Graf Recke Stiftung.


Der DGS-Treff ist weit mehr als ein Freizeittreff. 

Zwar stehen die Bedürfnisse der gehörlosen und schwerhörigen jungen Menschen im Fokus der Einrichtung. Doch versteht sich der Treff auch als Brückenbauer zwischen den Kulturen Hörender und Nichthörender. So sind die kulturellen Angebote sowie Ausstellungen und Freizeitaktionen für Hörende und Gehörlose gleichermaßen zugänglich.

Wegbereiter zur Persönlichkeitsfindung

Die Mitarbeiter des DGS-Treffs sind Zuhörer, Berater und Vermittler, aber auch Wegbereiter, Blitzableiter und Seelentröster. Sei es beim Ausfüllen von Anträgen, in familiären Konfliktsituationen, bei Vorstellungsgesprächen
 oder in Workshops zum sicheren Umgang mit Computersoftware und sozialen Medien. Das ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil sich viele ehemalige Besucher im Erwachsenenalter selbst für Gehörlose engagieren.

So hilft Goran Gallo, der überdies die internationale Gebärdensprache beherrscht, syrischen Flüchtlingen bei Behördengängen und der Jobsuche. Seine Verlobte Fatma Malla verstärkt das DGS-Team ehrenamtlich, und auch Mircan Elmas hat sich fest vorgenommen, nach ihrer Ausbildung im Treff tätig zu sein: „Ich kann Jugendlichen bestimmt bei der Suche nach ihrer Identität helfen. Immerhin bin ich selbst ein gutes Beispiel dafür.“

Der DGS-Treff der Graf Recke Stiftung
Die Graf Recke Stiftung ist eine der ältesten diakonischen Institutionen Deutschlands. 1822 von Graf von der Recke-Volmerstein als Rettungshaus für Straßenkinder in Düsselthal gegründet, besteht die Stiftung heute aus den Graf-Recke-Geschäftsbereichen Erziehung & Bildung, Sozialpsychiatrie & Heilpädagogik sowie Wohnen & Pflege. Bahnhöfe sind zudem seit jeher Treffpunkte für hörgeschädigte Jugendliche, da die Schulen und Ausbildungsstätten sich zumeist in Ballungsgebieten befinden und ein Angebot für die gesamte Region schaffen. Auch im Düsseldorfer Hauptbahnhof fielen die Jugendlichen, die sich dort trafen, durch ihre besondere Art der Kommunikation auf. Dies verstärkte mitten in dem Trubel zwischen Kommen und Gehen bei ihnen das Gefühl von Ausgrenzung. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, gab Norbert Zock, Stationsleiter des Hauptbahnhofs Düsseldorf, 2002 die Initialzündung für eine Projektgruppe, deren Arbeit 2006 in der Eröffnung des DGS-Treffs mündete.

Der DGS-Treff befindet sich im Verbindungsgang zwischen Hauptpassage und Nordtunnel. Ziel der Arbeit dort ist es, den Besuchern Möglichkeiten aufzuzeigen, wo und wie sie ihre Persönlichkeit weiterentwickeln können. Die Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 12 bis 18 Uhr. Sie erreichen Fachbereichsleiterin Sabine Blitz unter s.blitz@graf-recke-stiftung.de oder 0211/4055 2127.
Mehr dazu unter: www.graf-recke-stiftung.de/dgs-treff

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