Wendebilder: „Die Menschen konnten ihr Glück kaum fassen“

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  • Autor: Christian Selzer
  • Fotos: Daniel Biskup

Im Interview verrät der Fotograf Daniel Biskup, welcher Moment in der Wendezeit ihn besonders bewegt hat – und wieso der Umbruch bis heute nicht abgeschlossen ist.

Daniel Biskup gehört zu den bekanntesten deutschen Fotojournalisten und hatte Persönlichkeiten wie Karl Lagerfeld oder Donald Trump vor der Kamera. Geprägt wurde sein beruflicher Werdegang aber vor allem von der Wendezeit, die er mit der Kamera begleitete.

Herr Biskup, Sie wurden als „das Auge der deutschen Einheit“ bezeichnet und waren dicht dran an den Ereignissen. Welcher Moment hat Sie besonders bewegt?
Am 4. November 1989, bei der ersten großen Demo auf dem Alexanderplatz in Ostberlin, habe ich zum ersten Mal gespürt, dass sich in der DDR etwas ändert. Es gingen Hunderttausende Menschen auf die Straße. Fünf Tage später stand ich auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor – das war ein Moment, den ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

1 / 10Protest für den Erhalt von Jugendzentren, Berlin-Ost, Herbst 1990/Daniel Biskup
2 / 10Am Berliner Alexanderplatz wächst im Sommer 1990 der Wunsch nach Umbruch./Daniel Biskup
3 / 10Ein ehemaliger Schüler von Johannes Meissel (†1969), der in der DDR mit einem Ausstellungsverbot belegt worden war, malt sein Bild „Soli Deo Gloria“ auf Mauersegmente der East Side Gallery./Daniel Biskup
4 / 10Nach der Wende wurden in vielen ostdeutschen Städten Straßen umbenannt./Daniel Biskup
5 / 10Aufnahme aus einem Zimmer des Hotel Merkur in Leipzig, Dezember 1990./Daniel Biskup
6 / 10Wahlwerbung für sichere Renten, Berlin, 1994./Daniel Biskup
7 / 10Helmut Kohl zu Besuch in Güstrow, Bundestagswahlkampf, November 1990./Daniel Biskup
8 / 10Busfahren mit alten Fahrzeugen im Osten, Stralsund, 1991./Daniel Biskup
9 / 10Wiederaufbau der Frauenkirche, Dresden, 1994./Daniel Biskup
10 / 10In Biskups Bildband sind seine gesammelten Fotografien aus der Wendezeit zu sehen./Daniel Biskup

Sie haben die Wendejahre in einem Bildband dokumentiert. Welche Geschichte steckt hinter dem Titelfoto?
Den Lastwagen auf dem Foto habe ich zum ersten Mal 1990 entdeckt. Er fuhr durch die Leipziger Straße in Berlin und versuchte, über die Werbeanzeige Geld einzunehmen. Ein Jahr später war das Unternehmen pleite und das Projekt „Test the West“ war beendet. Der Wagen landete im Graben. Das Foto zeigt, dass der Umbruch in Ostdeutschland nicht ohne Reibung ablief.

Im September 1989 öffnete Ungarn die Grenze und ließ Tausende DDR-Bürger ausreisen. Sie waren live dabei. Was machen Menschen, die gerade ihre Freiheit wiedererlangt haben?
Die Menschen konnten ihr Glück kaum fassen. Sie hatten wochenlang in einer Art Wartestellung in Budapest ausgeharrt. Dann kam die Nachricht der Grenzöffnung. Es gab ein regelrechtes Wettrennen darum, wer als Erster die deutsche Grenze erreicht. Gewonnen hat übrigens kein Trabi oder Wartburg, sondern ein Mazda.

Was hat Sie damals dazu motiviert, weiterzumachen, nachdem die meisten Teams abgereist waren?
Ich fand, dass es jetzt erst richtig spannend wurde. Was passiert denn mit einem Land, das nach 40 Jahren zusammenwächst? Wie verändern sich die Städte? Wie die Menschen? Ich habe die Antworten in eher banalen Alltagsszenen gesucht und bereits geahnt, dass diese Fotos irgendwann interessant sein würden.

1 / 1Fotograf Daniel Biskup/Simon Annand

Nach der Wende machte sich ein Gefühl der Freiheit und Euphorie breit, aber auch der Ernüchterung. Wie haben Sie das
wahrgenommen?
Die Ernüchterung setzte ein, als die D-Mark eingeführt wurde. Die Unternehmen mussten die Löhne plötzlich in der neuen Währung
zahlen. Doch Nachfrage und Produktivität waren nicht hoch genug, um alle weiterbeschäftigen zu können. Viele Menschen
verloren dadurch ihre Jobs.

Der Mauerfall ist 30 Jahre her. Ist das Projekt für Sie jetzt abgeschlossen?
Nein. Das Projekt wird mich mein ganzes Leben lang begleiten. Der Umbruch hält weiter an, man muss nur an Phänomene wie Pegida und die AfD in Ostdeutschland denken. Ich werde diesen Prozess weiter mit der Kamera begleiten und dokumentieren.

Gewinnspiel

Schreiben Sie uns, welcher Wendemoment Sie besonders berührt hat, und gewinnen Sie eines von zwei Exemplaren von Daniel Biskups Bildband „Wendejahre: Ostdeutschland 1990– 1995“. Alle Gewinnspieldetails finden Sie hier.

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