Waldbaden: die heilende Kraft der Bäume

Zurück zur Startseite
  • Autor: Christian Selzer
  • Fotos: Helmuth Rier

Martin Kiem ist Psychologe, Buchautor („Wald tut gut!“) und Experte fürs Waldbaden. Im Interview erklärt der 36-Jährige, weshalb Waldbaden mehr als ein Spaziergang im Grünen ist – und warum für Anfänger sogar ein Balkon genügt.

In das satte Grün eintauchen, die würzige Luft einatmen und den Wipfeln dabei zuschauen, wie sie sich im Wind wiegen: Im hektischen Alltag steigt das Verlangen, in der Natur zu regenerieren. In Japan ist das Ritual „Shinrin Yoku“, zu Deutsch Waldbaden, schon lange bekannt. Darunter versteht man im Grunde einen langsamen Spaziergang durch den Wald zur Förderung der Gesundheit.

Aber auch hierzulande findet die Therapie immer mehr Anhänger. Denn der Wald ist nicht nur schön und erholsam. Das Eintauchen in die Waldatmosphäre entspannt auch unser Nervensystem, stabilisiert das Hormonsystem und fördert unser Immunsystem. Außerdem ergaben Studien, dass der Waldaufenthalt Angstzustände und Stresshormone abbaut. Beim Waldbaden geht es darum, die Natur mit allen Sinnen zu erfahren – und dabei von den grünen Heilkräften zu profitieren.

Herr Kiem, wie wurde Waldbaden zum Wellness-Trend?
Drei Viertel aller Deutschen leben mittlerweile in Städten. Dort gibt es immer weniger Schnittstellen zur Natur. Gleichzeitig haben die Menschen das tiefe Grundbedürfnis, in Verbindung mit der Natur zu treten. Das Waldbaden kann Abhilfe schaffen, indem es Mikromomente der Naturverbundenheit schafft. Gleichzeitig ist Waldbaden eine gute Übung zu mehr Achtsamkeit und Entschleunigung.

„Die Sinne voll auf das Hier und Jetzt“

Ist Waldbaden nicht einfach Spazierengehen?
Die goldene Regel beim Waldbaden lautet: Bemerke einfach alles. Und je langsamer ich gehe, desto mehr nehme ich wahr. Beim Waldbaden komme ich in einer Stunde vielleicht 200, 300 Meter weit – ein Zehntel der Strecke, die ich beim Wandern zurücklegen würde. Das Ziel ist nicht, einen Gipfel oder einen Aussichtspunkt zu erreichen, sondern die Sinne voll auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Beim Wandern ist der Körper zwar in der Natur, der Kopf aber häufig ganz woanders.

Martin_Kiem

Tourismusverein Parkscheines, Rabland, Toll, Helmuth Rier

Was ist mit Menschen, die keinen Wald in der Nähe haben?
Das macht nichts. Jedes Fleckchen Grün ist geeignet, ob Stadtpark, Schrebergarten oder botanischer Garten. Sogar ein begrünter Balkon kann der Startpunkt zu mehr Naturverbundenheit sein. Von da aus kann man sich steigern. Das Wichtigste ist, ein paar Gänge zurückzuschalten und das Denken zu unterbrechen. Dann öffnen sich die Sinnestüren und die Natur kann hineinströmen.

Drei Übungen fürs Waldbaden

Martin Kiem empfiehlt drei Übungen für das Waldbaden. Viele weitere Übungen, Anleitungen und Hintergrundinformationen lesen Sie in seinen Buch „Wald tut gut!“.

Die Bildmeditions-Übung

Sie brauchen zwei Bilder mit Naturmotiven, beispielsweise Fotos, Kalenderblätter oder Ausschnitte aus Zeitungen. Suchen Sie sich einen ruhigen Ort zum Sitzen und machen Sie es sich bequem. Nun richten Sie Ihre Augen auf das erste Bild. Gestatten Sie den Augen, sich frei zu bewegen und lassen Sie die visuellen Reize auf sich wirken. Halten Sie Ihren Blick für 30 bis 60 Sekunden auf dem Bild. Schwenken Sie dann zum zweiten Bild und betrachten es wiederum für 30 bis 60 Sekunden. Schließen Sie nun Ihre Augen und spüren Sie tief in sich hinein.

Die Sorgenstein-Übung am Waldeingang

Wenn Sie sich vor Ihrem nächsten Waldbesuch von Ihrem überflüssigen Gedankenballast lösen möchten, probieren Sie die folgende Sorgenstein-Übung aus: Suchen Sie am Waldrand einen Stein. Begutachten Sie den Stein mit Händen und Augen. Berühren Sie ihn und legen Sie das belastende Gedankengut dann gemeinsam mit dem Stein am Waldboden ab.

Die Gehmeditations-Übung

Beginnen Sie, im Wald langsam zu gehen, ohne dabei ein konkretes Ziel vor Augen zu haben. Mit jedem achtsamen Schritt begegnen Sie dem Wald und treten mit der Natur in Kontakt. Richten Sie nun Ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Ihre Fußsohlen und versuchen Sie, die Beschaffenheit des Waldbodens zu spüren. Bringen Sie Ihre Gehgeschwindigkeit in Einklang mit Ihrer Atmung und lenken Sie die Aufmerksamkeit dann auf Beine, Oberkörper und Arme. Wenn Sie merken, dass Sie abgelenkt wurden, bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit einfach wieder zu der Gehübung zurück.

Gewinnspiel

Wie viel Prozent Deutschlands sind insgesamt mit Wald bedeckt? 32 Prozent oder 61 Prozent? Mit der richtigen Antwort haben Sie die Chance auf eines von zwei Exemplaren von Martin Kiems Buch „Wald tut gut!“. Alle Gewinnspieldetails finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Onlinedating:
Das perfekte
Profilbild

Interview lesen

Mark Forster: Der Star von nebenan

Interview lesen

In der Fundstelle:
Wo Verlierer fündig werden

Artikel lesen