Giulia Becker
über Freiheit
im Fernzug

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  • Autor: Giulia Becker
  • Fotos: Miriam Göhn

Beim Bahnfahren genießt die Roman- und TV-Autorin Giulia Becker ihre Lieblingskochsendungen und bestaunt durch das Fenster den Alltag in der Provinz. Während sie von ihrer Kaltschaummatratze träumt, entdeckt sie in Niedersachsen plötzlich, was Freiheit bedeutet. Gewissermaßen.

Dann und wann fahre ich Zug. Im Zug bin ich frei, muss nicht lenken, nicht bremsen. Wenn bestimmte Parameter erfüllt werden, dann macht mir das Bahnfahren richtig Spaß: Ich habe einen Einzelsitzplatz ohne direkten Sitznachbarn, niemand in meinem Wagen packt eine Bifi aus, die Bahn fährt nicht durch Niedersachsen. Durch Niedersachsen zu fahren, ist entschleunigend. Entschleunigend deshalb, weil es einen auf den Boden der Tatsachen holt, es erdet. Ich kann mich an unzählige erschöpfte Sonntagnachmittage erinnern, nach zwei bis drei schönen Tagen in Hamburg oder Berlin, ich sitze selig und müde in der Bahn und sehne mich auf die Kölner Kaltschaummatratze.

„WENN ES DRAUSSEN ZU SCHÖN IST, WERDE ICH MISSTRAUISCH“

Dann verlassen wir die Großstadt, rasen vorbei an bellenden Hunden und Auffahrunfällen, raus in die Vorstädte, die Häuser werden kleiner, dann die Wiesen größer, plötzlich ist man auf dem Land, links der See, rechts das Rapsfeld. Ab und zu schaue ich durch das Fenster, ja, wirklich schön, ja doch. Schön! Wenn es draußen zu lange zu schön ist, werde ich misstrauisch. Da ist doch was im Busch, da liegt was in der Landluft. Ich sehe Menschen auf Fahrrädern, die kein Lenkrad bräuchten, weil sie immer nur geradeaus fahren, in meinem Kopf spielen die Alarmglocken ein achtstimmiges Hells Bells. „VORSICHT! Gleich passiert es! Niedersachsen!!!!“ Dann passiere ich Niedersachsen.

Mit jedem Meter Niedersachsen verabschiedet sich ein Balken Handyempfang. Scheue Blicke zu den Mitreisenden, die mir bestätigen, dass meine Angst berechtigt ist; Handys werden verzweifelt ans Fenster gehalten, Anrufe beendet. „Mama? Bist du noch da? Mama? Ich hör dich ganz schlMAMAICHBINJETZTINNIEDERSACHSENMELDEMICHSPÄTERDEREMPFANGWEISSTDUJA.“ Man versteht sich, nickt sich mitfühlend zu. Im Zug nach Niedersachsen sind wir alle gleich. Zwangsläufig mache ich mir in Niedersachsen Gedanken. Das Handy ist jetzt unbrauchbar, das Windspiel in den salbeigrünen Feldern draußen meine einzige Unterhaltung.

„DAS INTERNET ENTPUPPT SICH ALS GRELL BLINKENDE RETTUNGSINSEL DER GESELLSCHAFTSMÜDEN“

Gerade in diesen Situationen entpuppt sich das WLAN im ICE als Überlebenshilfe, die grell blinkende Rettungsinsel der Gesellschaftsmüden, meine kleine digitale Raumkapsel. Raus aus Wagen 32, Platz 64, rein in die schier unerschöpfliche Welt des Entertainments: das neue Album von XY oder eine Folge der US-amerikanischen Kochsendung, in der ein blonder Typ in die Toskana reist, um auf Senderkosten bei genervten Locals ordentlich Focaccia zu essen. Geil, geil, geil!

Ich sitze im Zug nach Hause. Zu Hause wartet wie gesagt eine Kaltschaummatratze auf mich. Es steht mir frei, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, umzusteigen, umzuplanen, morgen doch lieber Amsterdam oder an die Ostsee. Es steht mir frei, zu kommen und zu gehen, zu bleiben oder Focaccia in der Toskana zu essen.

Am Horizont deutet sich ein kitschiger Sonnenuntergang an, ich kann ihn ganz genau sehen, weil alles so wahnsinnig flach ist. Kurz finde ich alles schön. In der zivilarmen Prärie Niedersachsens werde ich mir meiner Privilegien bewusst und bin dankbar für meine Freiheit.

Miriam Göhn

Giulia Becker, 28, ist Autorin für Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royale“ und wurde mit dem Song „Verdammte Schei*e“ über die TV-Show hinaus bekannt. In den sozialen Medien hat sie als „Schwester Ewald“ eine große Fangemeinde. Im Frühjahr ist ihr erster Roman „Das Leben ist eins der Härtesten“ erschienen. Die Idee dazu hatte sie im ICE nach Hamburg – nur wenige Stunden, bevor sie dem Verlag etwas präsentieren sollte.

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