Von Kästner, Kunst & Qualität

Der Bahnhof Dresden-Neustadt hat viel zu bieten: sächsische Herzlichkeit, Jugendstil-Elemente, ein Wandbild aus Porzellan und mehr.

Der Neustädter Bahnhof hat es nicht leicht. Immer im Schatten des Hauptbahnhofs, der 2016 zum schönsten Bahnhof Deutschlands erkoren wurde, hat er sich zu einem kunstvollen Kleinod gemausert. und nebenbei beherbergt er auch noch Herz und Kopf der Dresdner Bahnhöfe.

Wenn Heiko Klaffenbach Gäste durch den zweitgrößten Bahnhof der Stadtführt, leuchten seine Augen. „Die Dresdener lieben und leben ihre Bahnhöfe“, sagt er während der Tour durch den gepflegten, hellen Bahnhof. Das merke man zum Beispiel daran, wie gut die regelmäßigen Bahnhofsführungen angenommen werden. Und natürlich an der Zufriedenheit der Kunden, die im Bahnhof Dresden-Neustadt laut Umfragen sehr hoch ist. Darauf ist Klaffenbach zu Recht stolz. „Ich sage meinem Team immer: ‚Eure Stationen müssen aussehen wie eure Wohnzimmer.‘ Das muss man schon von Herzen machen“, erklärt er lachend, während er einen leeren Kaffeebecher auf dem Bahnsteig ordnungsgemäß entsorgt.

Im Schatten des Schönsten

Heiko Klaffenbach leitet seit 2004 das Bahnhofsmanagement in Dresden. In dieser Zeit hat er viel erlebt. Ein Höhepunkt ist die jüngste Auszeichnung des Hauptbahnhofs von dem Online-Portal Captain Train als schönster Bahnhof Deutschlands und sogar zweitschönster Bahnhof Europas nach der Estação de São Bento in Porto. Für Klaffenbach und seine Kollegen ein verdientes Kompliment für ihre tägliche Arbeit.

„Jetzt dreht sich zwar alles um den Hauptbahnhof, aber los ging es in der Neustadt“, sagt Klaffenbach. Denn 1839 wurde hier mit dem Leipziger Bahnhof der erste Bahnhof Dresdens für die Strecke Dresden–Leipzig gebaut. Einige Jahre später entstand der Schlesische Bahnhof in der Neustadt, der die Verbindung nach Görlitz bedienen sollte. Am 1. März 1901 wurde hier der heutige Neustädter Bahnhof eröffnet, der nun den Zugverkehr aus Leipzig, Görlitz und Berlin bündelte und zum kurz zuvor neu errichteten Hauptbahnhof weiterleitete.

Dresdener Glanz in der Neustadt

In der denkmalgeschützten Empfangshalle im Jugendstil heißt Sie heute ein 90 Quadratmeter großes Mosaik aus Meissener Porzellan willkommen, das Sachsens schönste Schlösser, Burgen und Gärten zeigt. Nach jahrelangen Bauarbeiten, die erst Ende 2015 endeten, ist der Bahnhof komplett saniert und umgebaut worden. Nun ist er barrierefrei, verfügt über neueste Technik und praktische Einkaufsmöglichkeiten. Dabei ist alles, was denkmalgeschützt ist, erhalten geblieben. So sind aus den alten Aufsichtshäuschen auf den Gleisen Wetterschutzhäuschen für die Reisenden geworden und erfreuen sich in dieser neuen Funktion größter Beliebtheit.

Und in den ehemaligen Fürstengemächern im linken Flügel des Bahnhofs befindet sich außerdem das Herzstück des Dresdner Bahnhofsmanagements: die 3-S-Zentrale, wo sich die Mitarbeiter von Heiko Klaffenbach um Service, Sicherheit und Sauberkeit in den Stationen der gesamten Region kümmern. Von hier kommen die Ansagen, und von hier werden die Stationen überwacht. Und in der Empfangshalle des Neustädter Bahnhofs befindet sich das Reisezentrum, wo Sie sich über alle Verbindungen, zum Beispiel nach Wiesbaden, Köln oder Prag informieren können.

Die Kunst im Bahnhof

„Qualität ist unser Markenzeichen“, sagt Heiko Klaffenbach. Allerdings nicht nur hier, sondern in ganz Dresden. Und das danken die Kunden auch damit, dass sie die Bahnhöfe mit ihren Angeboten, Aktionen und Veranstaltungen annehmen. Ganz besonders in der Neustadt. „Hier funktioniert Kunst besonders gut, Fotoausstellungen und solche Sachen. Dazu kommen die Leute dann auch extra in den Bahnhof “, erzählt Klaffenbach. Im Hauptbahnhof hingegen käme Musik besser an. Aber da seien die Bahnhöfe so unterschiedlich wie die Stadtteile, in denen sie sich befinden.

Die Dresdner lieben und leben ihre Bahnhöfe. Das merken wir jeden Tag.

Heiko Klaffenbach

Das merken auch die hiesigen Ladenbetreiber. Im rechten Flügel des Bahnhofs, wo einst die Damen- und Speisezimmer untergebracht waren, befindet sich die einzige Lidl-Filiale mit Stuck an den meterhohen Decken. Aber seine Beliebtheit verdankt der Supermarkt vermutlich eher den Sonntags- und Feiertagsöffnungszeiten. „An einem normalen Sonntag kaufen hier etwa 10.000 Menschen ein“, sagt Filialleiter Enrico Fiedler stolz. Dann ist von 8 bis 21 Uhr acht- bis zehnmal so viel los wie sonst, und es sind sechs bis sieben Kassen durchgehend geöffnet.

Auch in der ROSSMANN-Filiale in der Empfangshalle hat man sich auf den Bahnhof eingestellt: Der Laden ist barrierefrei, damit man auch mit einem großen Koffer ungestört einkaufen kann, und das Sortiment ist dem Publikum angepasst. „Hier verkaufen sich natürlich vor allem Getränke, Süßigkeiten und Reisebedarf, aber auch ganz besonders gut die Produkte aus unserem Bio-Sortiment“, erklärt Marktleiterin Carolin Stern. Denn offenbar mögen die Neustädter Bioprodukte ebenso gern wie Fotoausstellungen.

Kästner lässt grüßen

Etwas ganz Besonderes ist für Bahnhofsmanager Heiko Klaffenbach allerdings etwas anderes: Jedes Jahr kurz vor den Sommerferien findet in der Neustadt die Erich-Kästner-Rallye statt – 2016 bereits zum elften Mal. Der berühmte Kinderbuchautor ist nämlich hier aufgewachsen, und sein erstes und zugleich bekanntestes Kinderbuch „Emil und die Detektive“ beginnt hier. Rund 300 Grundschüler machen sich dann unter der Parole „Emil!“ auf die Jagd nach dem Schurken Grundeis, der Emil all sein Geld gestohlen hat. Und die Jagd beginnt am Bahnhof. „Dann ist der ganze Vorplatz voller begeisterter Kinder. Das ist wirklich eine tolle Sache“, erzählt Klaffenbach. Und man glaubt ihm zweifelsfrei, dass er auf diesen Bahnhof ebenso stolz ist wie auf sein eigenes Wohnzimmer.

Erich Kästner: Die Geschichten eines Moralisten

Erich Kästner wurde 1899 in Dresden-Neustadt geboren und sagte über sich selbst, er stamme „aus ganz kleinen Verhältnissen“. Nach dem Studium in Leipzig ging er 1927 nach Berlin, wo er als Redakteur und Schriftsteller arbeitete. Das geflügelte Wort „Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es“ stammt aus Kästners Feder, seine scharfsinnigen Gedichte treffen bis heute mit blinder Sicherheit des Pudels Kern und seine Kinderbücher haben Generationen geprägt. Kästner starb 1974 in München.

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