Mark Forster: Der Star von nebenan

Zurück zur Startseite
  • Autor: Sascha Tegtmeier
  • Fotos: Michael Romacker

Mark Forster ist in den letzten Jahren so präsent im deutschen Pop-Business wie kaum jemand. Im Interview erzählt der 35-jährige Sänger und Songschreiber, wie viel Mut er bei der Veröffentlichung seines aktuellen Albums „Liebe“ benötigt hat und warum der Jakobsweg ihn veränderte.

Mark Forster betritt die Bar „Die Villa“ in Kiel so lässig und locker, wie seine Lieder klingen. Dazu passt sein typischer Look: Brille, Bart und Cap, bei dem sich der Schirm gen Himmel streckt. Ein netter Nerd, der mal eben zum Megastar geworden ist. „Hallo, ich bin Mark“, sagt er zu Beginn des Fotoshootings mit „Mein Bahnhof“. Die Vorstellung ist natürlich nicht nötig. Auch weil man das Gefühl hat, ihn schon seit Ewigkeiten zu kennen.

Mark, du stammst aus einem kleinen pfälzischen Dorf. Dein aktuelles Album hast du unter anderem in London und Uganda zusammen mit einigen der weltbesten Musiker aufgenommen. Fragst du dich manchmal, ob du träumst?
Für mich zeigt sich der Erfolg gerade darin, dass ich die Sachen machen darf, die ich mir erträume. Ich habe eine Doku über den besten Kinderchor der Welt gesehen und bin wenige Wochen später nach Uganda geflogen, um mit ihm aufzunehmen. Ein Jahr vorher war ich mit meiner Band in den Abbey-Road-Studios, wo die Beatles ihre Alben aufgenommen haben. Diese Möglichkeiten sind einfach das Beste für mich am Erfolg. Supergeil.

Dein Weg vom Hobbymusiker zum Superstar verlief alles andere als geradlinig. Du hast Jura studiert, dann BWL. Erst nach einer Pilgerreise im Jahr 2009 hast du dich dazu entschlossen, dein Geld mit Musik verdienen zu wollen. Was ist auf dieser Wanderung passiert?
Ich bin dahin gefahren, weil ich ein paar Steine im Bauch hatte. Ich war nicht zufrieden mit meinem Leben. Und wenn man zwei Monate nichts tut, außer zu latschen, dann passieren gute Sachen mit einem: Die Steine wandern in den Kopf und dann verpuffen die. Zuhause sieht man die Dinge klarer. Ich habe beim Wandern nicht entschieden, ich werde Superstar. Ich habe
mir nur vorgenommen, ein Album aufzunehmen. Und das habe ich dann durchgezogen.

1 / 4Mark Forster wird 1984 als Mark Cwiertnia geboren und wächst im pfälzischen Winnweiler auf. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Jura-Studium macht er einen Abschluss in BWL./© Michael Romacker
2 / 4Während einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg 2009 beschließt er, seine musikalische Karriere zu verfolgen. 2010 erhält er einen Plattenvertrag und veröffentlicht zwei Jahre später das Album „Karton“. An der Seite des Rappers Sido landet der heute 35-Jährige im Jahr 2013 erstmals in den Top Ten – mit Sidos Lied „Einer dieser Steine“. /© Michael Romacker
3 / 4Der Durchbruch gelingt Forster ein Jahr später mit seinem Song „Au Revoir“, in dem wiederum Sido gefeatured wird und der es auf Platz 2 der deutschen Charts schafft./© Michael Romacker
4 / 4Forster zählt zu den erfolgreichsten deutschen Popsängern: Er gewinnt unter anderem einen Bambi und einen ECHO. Seit 2017 ist er Juror in den Castingshows „The Voice of Germany“ und „The Voice Kids“. Mit seinem Album „Liebe“ ist er seit dem 1. Juni auf großer Open-Air-Tour./einkaufsbahnhof.de

Du hast dann alles auf eine Karte gesetzt?
Nein, das ist ein Künstlermythos. Es ist überhaupt nicht nötig, alles zu riskieren, alle Brücken niederzubrennen. Man kann mehrere Sachen gleichzeitig machen. Und das, was man am meisten liebt, wird man auch am besten machen.

Okay, aber wie meistert man den steinigen Weg hin zum Erfolg? Hattest du als BWLer einen klaren Businessplan vor Augen mit dem Ziel: Star?
Es ist Quatsch, ein Star werden zu wollen. Und das ist auch nicht das Großartige an dem Leben, das ich führe. Wenn man Musiker werden will, dann muss man es gut finden, sich wochenlang mit einem Schlag der Snare Drum auseinanderzusetzen. Oder auch wochenlang mit stinkenden Musikern im Proberaum zu verbringen. (Er lacht.) Und das BWL-Studium? Es hat zumindest nicht geschadet. Ich plane gern.

„Da geht’s ans Eingemachte“

Stell dir eine parallele Welt vor: Wie sähe das Leben von Mark Cwiertnia, wie du ja eigentlich heißt, heute aus, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?
Ich hatte vor der Musikkarriere auch schon einen Traumjob. Ich war Producer für den Berliner Komiker Kurt Krömer und sein
Background-Pianist. So etwas würde ich heute noch machen und wäre nicht unglücklich. Das ist auch ein Traumjob, aber
eben nicht mein Traum.

Und nun stell dir vor, der Musiker Mark Cwiertnia kommt zu „The Voice of Germany“. Warum würdest du buzzern?
Ich glaube nicht, dass er sich trauen würde, zu „The Voice of Germany“ zu gehen. Denn es geht da schon sehr um das Performative – es geht darum, in 90 Sekunden alle im Studio und vorm Fernseher umzuhauen. Ich denke, das ist nicht unbedingt meine Stärke. Bei mir ergibt sich das aus dem Ganzen. Mir ist es wichtig, die Sachen zu schreiben, selbst zu produzieren. Das ganze Drumherum zu gestalten.

Deine Karriere begann auf kleinen Bühnen, bis eines Tages deine Proberaumnachbarn – die Band Seeed – dir einen Talentscout ihrer Plattenfirma vorbeischickten. Haben die Voice-Teilnehmer es da nicht leichter?
Im Gegenteil. Die müssen zunächst einmal viele Ressentiments abbauen, um als Künstler ernst genommen zu werden. Ich finde das unfair, weil das sehr, sehr gute Musiker sind. Die, die dann erfolgreich geworden sind, mussten genauso wie ich einige Jahre durch die Studios und Bühnen des Landes tingeln und sich den Erfolg hart erarbeiten. Max Giesinger und Michael Schulte zum Beispiel.

„Weil ich Höhenangst
habe, war ich
Fallschirmspringen“

Auf deinem aktuellen Album „Liebe“ erzählst du so offen aus deinem Leben wie nie. Unter anderem geht es um deinen Vater, der früh die Familie verließ. Was hat dich dazu bewogen, in den Songs so viel von dir preiszugeben?
Auf den Alben davor habe ich eigentlich auch schon viel von mir preisgegeben. Aber jetzt drücke ich die Gefühle wohl besser aus. Ich bin jetzt einfach ein besserer Schreiber. Für mich ist es wie eine Sucht, meine Sprache immer weiter zu verbessern – immer mehr Gefühl zu transportieren. Da geht’s dann ans Eingemachte, wenn man große Gefühle ausdrücken möchte.

Im Video zu „Einmal“ sieht man dich beim Fallschirmspringen. Wie viel Überwindung hat dich der Sprung gekostet?
Ich springe da Fallschirm, genau weil ich Höhenangst habe. Und das kam so: Ich hatte vorher meine Fans gebeten, mir krasse, einmalige Momente aus ihrem Leben zu schicken. Ich war überrascht, wie viel ich da bekommen habe. Ich wusste: Jetzt muss ich auch etwas Besonderes machen.

1 / 1Mark Forster mit dem Team von „Mein Bahnhof"./© Michael Romacker

Muss man das machen, um ein guter Songschreiber zu sein: über seine Grenzen hinausgehen?
Ein guter Songschreiber geht schon durch seine Arbeit an Liedern über seine Grenzen hinaus, aber nicht unbedingt durch ein derbes Leben. Es gibt Musikrichtungen wie Hip-Hop oder Punk, bei denen die Attitüde noch mehr eine Rolle spielt als das Gefühlsleben. Aber in dem Bereich, in dem ich mich musikalisch bewege, muss man einfach nur ehrlich meinen, was man singt.

Was war das Mutigste, das du je gemacht hast?
Ich war 2015 bei Helene Fischer in der Show und bin mit ihr im Duett aufgetreten. (Er lacht.) Das war auf jeden Fall mutig. Ansonsten komme ich, wie du schon gesagt hast, aus einem kleinen Dorf. Viele meiner Freunde sind noch dort. Das Dorf zu verlassen, das war für mich zunächst ein beängstigender Schritt.

Erinnerst du dich an die ersten Zugfahrten in die große weite Welt?
Ja, für mich war ja die große weite Welt schon Kaiserslautern. Das waren 17 Minuten bis dahin. Der Weg hinaus.
Dann später Fahrten nach Mannheim und Frankfurt. Und wie ist Bahnfahren für dich heute? Es ist immer noch ein Freiheitsgefühl, im Zug zu sitzen. Heute als Musiker bin ich irrsinnig viel unterwegs und bin riesengroßer Fan der Bahn. Bei mir klappt in den meisten Fällen auch wirklich immer alles. Ich finde es total faszinierend, wie das ganze Zugsystem funktioniert. Bei der Fahrt höre ich ganz entspannt Podcasts oder schlafe beim vierten Song von Ed Sheeran ein.

Wer Mark Forster beschreibt, hat als Erstes das Wort sympathisch im Mund. Geht dir diese Rolle manchmal auf die Nerven?
Es gibt schlimmere Rollen. Ich bin eigentlich gar nicht so nett, ich bin ganz normal zu allen. Dass man dafür gelobt wird, finde ich eigentlich bedenklich.

Wann ist es Zeit für einen Imagewechsel? Nicht mehr der nette Typ Mark?
Ja, so eine evil Version von mir. Es gibt ja den Super-Mario und den bösen Vario. Vielleicht gibt es irgendwann den Vark Forster.

„Mit der Mütze habe ich morgens ein Problem weniger“

Äußerlich erkennen die Menschen dich schnell an Brille und Mütze. Wie wichtig ist es, als Musiker eine unverwechselbare Marke aufzubauen?
Zu meinem Look bin ich eher zufällig gekommen. Ich habe eine Brille, weil ich kurzsichtig bin. Den Bart hab ich seit dem Jakobsweg. Und meine Haare werden grau und immer weniger. Mit der Mütze habe ich morgens einfach ein Problem weniger. Aber es stimmt: Viele Leute kennen und erkennen mich so. Ich finde aber: Die Musik ist wichtiger als optische Merkmale.

Was war der erste Song, den du je geschrieben hast?
Meine erste Band hatte ich mit meinem Kumpel Jochen in der Grundschule. Wir hießen „Nimm zwei“. Die Songs handelten von Hausaufgaben und davon, dass wir keinen Bock darauf hatten. Bei der späteren Schulband als Teenie handelten die Lieder von Girls, die man nicht kriegt. Das ist immer eine gute Motivation fürs Musikmachen.

Und heute: Wie ist der typische Prozess deiner Songproduktion?
Ich suche immer nach zwei Sachen. Nach einem Thema und einem Bild dafür. Wenn das Thema zum Beispiel ist: Ich will einen Freund aufmuntern. Dann ist mein Bild dafür, dass ich Chöre für ihn singen lasse. Den Song zu schreiben, ist aber nur die eine Hälfte. Die Produktion ist für mich genauso wichtig. Insgesamt dauert der ganze Prozess rund zwei Jahre.

Wie viele Songs schaffen es dann nicht aufs Album?
Ich schreibe meistens so 20 Lieder, von denen es am Ende zwölf bis 15 aufs Album schaffen. Zwei bis drei sind gut, aber passen nicht so recht. Die landen bei anderen Künstlern. Ein bis zwei Songs sind allerdings so schlecht, dass nichts aus denen wird.

Bringt dein „böser Bruder“ Vark Forster diese Lieder eines Tages heraus?
Gute Idee. Vielleicht machen wir das mal als „The greatest Shits“.

JETZT GEWINNEN!

Aus welchem Land stammt die Mutter von Mark Forster? Schreiben Sie uns die richtige Antwort und gewinnen Sie eine handsignierte CD. Alle Informationen zum Gewinnspiel finden Sie hier.

Das könnte Sie auch interessieren

Barbara Schöneberger: Alles nur Show?

Interview lesen

Udo Lindenberg: Vollrausch
der Liebe

Interview lesen

Philipp Lahm: Ich habe längst nicht alles erreicht!

Interview lesen