Katrin Bauerfeind: Das Glück ist Glückssache

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  • Autor: Katrin Bauerfeind
  • Fotos: Philipp Seidel

Die TV-Moderatorin über eine weise Schneiderin, den Rausch des Reisens, ein Belastungs-EKG mit Apfeltasche – und Titanic-Romantik mitten in Berlin.

Ich hab kürzlich ein paar Kleidungsstücke meiner Oma geerbt. Man könnte sagen, es ist modisch das Beste der 50er, 60er und 70er, plus Franz-Beckenbauer-Gedenk-Trikots der WM ’74. Kurzum: Ich könnte sofort einen tipptopp Secondhand-Laden aufmachen.

Da mir auf Anhieb erstmal nichts passte, hab ich alles zu meiner russischen Schneiderin gebracht, die meinte: „Zu viel Stoof, mus alläs wäg!“ Über eine halbe Stunde stand ich bei gefühlten – und dann auch gemessenen – 40 Grad in der Flickstube im Wintermantel meiner kleinen, fülligen Oma. Im Mantel herrschten locker 50 Grad und ich schwitzte ordentlich was weg. 100 Abstecknadeln später nahm mir die Schneiderin das Ding mit den Worten ab: „Jätzt ohne Mantäl, du waißt, was ist Glügg! Sind immär kleinä Sachän!“ Ich musste sehr lachen. Aber Recht hat sie.

Philipp Seidel

Disneyland in echt und besser

Reisen ist auch so eine Glückssache. Man kann nach Checkliste packen, sich gegen Reiserücktritt versichern und die gesamte Strecke im Vorfeld schon mal auf Google Earth abfahren – am Ende passiert trotzdem Unvorhersehbares. So kann es vorkommen, dass ich am Reisetag zwar pünktlich am Bahnhof bin, da aber beim Bäcker rumtrödle und schließlich mit zwei großen Taschen und zwei kleinen Taschen sowie einer Apfeltasche zu Gleis 14 rennen muss. Eine Art Belastungs-EKG ohne den medizinischen Mehrwert. Bei mir kommt noch hausgemachte Panik dazu, weil ich ständig Angst habe, das Ticket zu verlieren oder den Pass oder beides, plus die zwei kleinen Taschen. Vielleicht, denke ich dann, vielleicht bin ich nicht fürs Reisen konstruiert.

Aber wenn der Zug dann losfährt, schnurchelt die Welt draußen am Fenster vorbei und kommt mir vor wie Disneyland. Nur in echt. Und in besser. Die kleine Mühle da hinten, die märchenhaft und im Sonnenuntergang im Nirgendwo zwischen Lünen und Werne steht, wo man sie nie vermuten würde. Ein winziges Restaurant am Wasser, in dem man gerne mal essen würde, dazwischen endlose Wälder und dann wieder eine überwältigende Weite.

Alles wie auf den Fotos

Man würde nie dorthin fahren, fährt jetzt aber durch und hat dadurch das Gefühl, all das trotzdem besucht zu haben. Es sind fast nie die Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss und die eine Reise unvergesslich machen. Damit macht man nur Reiseführer voll, aber keine Herzen. Der Eiffelturm sieht in echt genauso aus wie im Fernsehen und auf allen Bildern aus Paris. Genauso wie die für Berlin charakteristische Gedächtniskirche. Alles wie auf den Fotos. Nur mit viel mehr anderen Leuten. Es wird mehr geknipst und gefilmt als bei einer Staffel Big Brother. Man kann danach zwar einen Haken hinter eine Sehenswürdigkeit machen, hat anschließend allerdings dasselbe Gefühl wie nach drei Burgern: satt, aber unfroh.

Am Abend kommt man dagegen zufällig an einem kleinen Café mit Dachgarten vorbei, es gibt Kleinigkeiten zu essen und nette Kellner, die noch ganz normale Gin Tonics machen. Die Sonne senkt sich über die gewaltige Stadt, riesig liegt sie vor einem und wenn einem scheißegal wäre, ob man peinlich ist, könnte man sich wie Kate und Leo ans Geländer stellen und rufen: „Ich bin der König der Welt!“ Denn genau so fühlt es sich an. Von hier aus sieht man die Gedächtniskirche. Schön sieht sie aus, mächtig und so noch nie gesehen. Ruhig und erhaben schaut sie aus der Stadt und ist das Gegenteil vom Besuch am Nachmittag. Das hier ist nur ein Dachgarten, irgendwo in Berlin, aber ein großer Moment voller Glück. Einer, den man mit nach Hause nehmen wird, als Erinnerung, von der man noch lange erzählen wird. Meine Schneiderin wüsste genau, was ich meine.

Philip Seidel

Katrin Bauerfeind, 36: Die Moderatorin und Schauspielerin schaffte ihren Durchbruch mit „Ehrensenf“ und „Harald Schmidt“. Ihr drittes Buch „Alles kann, Liebe muss – Geschichten aus der Herzregion“ ist ein Bestseller. Mit dem dazugehörigen Standup-Programm ist sie momentan auf Tour. Ihr erster größerer Bahnhof war Stuttgart und er ist bis heute das Tor zu ihrer Heimat in Aalen.