Frauen am Zug

Zurück zur Startseite
  • Autor: Sascha Tegtmeier
  • Fotos: DB AG/VAN ENDERT

Eisenbahn-Berufe sind traditionell Männerdomänen. Frauen wie die 26-jährige Fahrdienstleiterin Dana Gerigk zeigen Männern jetzt, wo es langgeht.

„Multitasking muss man für diesen Job beherrschen.“

Alle Züge auf einem halben Dutzend Bildschirmen im Blick behalten, deren Ein- und Ausfahrt planen, mit den Lokführern kommunizieren und die richtigen Weichen stellen – diese verantwortungsvollen Aufgaben der „Fahrdienstleitung“ können Frauen mindestens genauso gut meistern wie Männer. Da ist Dana Gerigk sich sicher. „Vielleicht sogar besser“, sagt die 26-Jährige selbstbewusst. „Man muss Multitasking besonders gut beherrschen für diesen Job.“ Und in diesem Bereich gelten Frauen ohnehin als talentierter, so Gerigk, die im vergangenen Jahr ihre Ausbildung am Karlsruher Güterbahnhof abgeschlossen hat.

Ein Fünftel Frauen in der Bahnbranche

Trotzdem gehören Dana Gerigk und ihre Kolleginnen noch zur Minderheit in den Fahrdienstleitungen deutscher Bahnhöfe. Wer bei Google „Fahrdiensleiterin“ eingibt, stößt bei der Suchmaschine auf Unverständnis und erhält Ergebnisse für die männlichen Vertreter dieser Zunft. Auch ein historisch bedingtes Problem: Weichen mechanisch über schwere Hebel statt wie heute mit der Maus bedienen? „Ein Knochenjob“, betont die junge Bahnmitarbeiterin Gerigk. Das musste aus physischen Gründen die meist kräftigeren Männer übernehmen.

Und trotz eines deutlichen Anstiegs in den vergangenen Jahren liegt der Anteil weiblicher Mitarbeiter in Deutschland auch im Jahr 2018 bei lediglich 22 Prozent – und damit etwas über dem Durchschnitt der europäischen Bahnbranche. Das hat im vergangenen Jahr eine Umfrage der „Allianz pro Schiene“ ergeben. Zur Einordnung: Das Statistische Bundesamt zählt im Berufsfeld „Kinderbetreuung“ rund 95 Prozent weibliche Mitarbeiter, der Beruf des Maurers auf der anderen Seite wird beinahe zu 100 Prozent von Männern ausgeübt.

Dirigentin der Züge

In der Bahnbranche sind vor allem Lokführerinnen eine Rarität: Rund 97 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland, die Züge steuern, gehören dem männlichen Geschlecht an. Und mit dieser Berufsgruppe wiederum hat Dana Gerigk in ihrem Alltag am meisten zu tun. Denn sie ist die Dirigentin am Bahnhof – über Steuerpulte stellt sie Weichen und Signale, analog wie digital. Sie bestimmt auf diese Weise, wann und wo die Lokführer in den Bahnhof ein- und ausfahren dürfen. „Die Herren sind nicht immer begeistert von den Entscheidungen der Fahrdienstleitung“, so die 26-Jährige. Der Umgang sei bisweilen sehr direkt und man müsse sich ein „dickes Fell“ zulegen. „Aber ich sitze am Hebel.“ Als Frau habe sie dabei auch Vorteile. „Manche Lokführer reagieren extrem freundlich, obwohl sie an einem Signal warten müssen“, sagt die junge Baden-Württembergerin verschmitzt.

Maßnahmen für mehr Frauen bei der Bahn

Bei vielen Schulabsolventinnen hat sich jedoch noch nicht herumgesprochen, dass sich die Zeiten gewandelt haben – und die DB weiblichem Nachwuchskräften große Chancen bereithält. Damit sich das ändert, hat die Deutsche Bahn eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Beispielsweise werden alle Stellen in Voll- und Teilzeit ausgeschrieben, Mentoring-Programme (z.B. Karriere mit Kindern) werden angeboten, Frauennetzwerke geknüpft. Müttern bietet man eigene Kindertagesstätten. Das Ziel: Bis 2020 soll bei der Deutschen Bahn eine Frauenquote von 25 Prozent erreicht werden.

Danas Großvater wäre sehr stolz

Auch Dana Gerigk wusste als Abiturientin in Stuttgart nicht, dass es den Beruf der Fahrdienstleiterin überhaupt gibt. Für Züge hatte sie sich aber schon als kleines Mädchen interessiert, weil ihr Opa bei der Bahn arbeitete. „Der wäre heute richtig stolz, wenn er mich sehen könnte“, sagt sie. Denn nun geht ihre Karriere noch weiter. Seit Anfang des Jahres macht sie eine zweijährige Weiterbildung zur Fachwirtin. Danach steht ihr eine ganze Reihe beruflicher Chancen offen: Sie kann beispielsweise als Bezirksleiterin zur Chefin der Fahrdienstleiter werden, am Fahrplan mitarbeiten oder eine andere Führungsrolle bei der Bahn übernehmen. Egal, für welchen Beruf sie sich letztlich entscheidet, qualifiziert ist sie sicher bestens: Am Hebel sitzt sie schließlich heute schon.