Aufbruch in die Moderne – Erfurt und der ICE

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  • Autor: Caroline Neumann
  • Fotos: Action Press – Karina Heßland

Der Hauptbahnhof Erfurt ist der neue wichtige Knotenpunkt für ICE-Verbindungen im Osten Deutschlands und hat viel zu bieten.

Als am 20. Dezember 1841 nach längeren Diskussionen offiziell entschieden wurde, dass die neue Eisenbahnstrecke Preußens von Halle (Saale) über Erfurt nach Kassel führen sollte, jubelten die Erfurter Bürger und ihr Bürgermeister. Denn dies bedeutete für die Stadt und die Region zweifellos den Aufbruch in die Moderne. Zumal keineswegs unstrittig war, dass die Eisenbahnstrecke durch Erfurt verlief und nicht doch woanders entlang.

Welche Dimension diese Entscheidung tatsächlich haben würde, war für den damaligen Bürgermeister Karl Friedrich Wagner und seine Mitstreiter allerdings kaum vorherzusehen. Etwa 160 Jahre später ging es – in einem ebenso historischen Kontext – wieder um eine Eisenbahnstrecke und wieder um deren Verlauf.

Und wieder fiel die Entscheidung auf Erfurt.

Dann als im Rahmen der Verkehrsprojekte Deutsche Einheit der Aus- und Neubau der Bahnstrecke zwischen Berlin und München beschlossen wurde, stand aufs Neue der Verlauf der Strecke zur Diskussion, wobei die thüringische Landeshauptstadt nur eine der möglichen Optionen war. Doch wieder waren den Erfurtern das Glück und gute Gründe hold.

Die Geschichte wiederholt sich

„Erfurt war schon im Mittelalter ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt und Handelsort. Schließlich ging hier auch die Via Regia, die Königsstraße, also die älteste und längste Landverbindung zwischen Ost- und Westeuropa, hindurch“, erzählt Dr. Anselm Hartinger, Direktor der Erfurter Geschichtsmuseen. Die Idee, dies zu nutzen und auszubauen, ist also schon sehr alt. Zudem war Erfurt bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Festungsstadt ersten Ranges, das heißt mit einem Festungswall, der die gesamte Stadt einschloss. Dies machte den Bau der ersten Bahnstrecke natürlich nicht einfacher.

„Der Festungswall musste an zwei Stellen durchbrochen werden, da zwischen 1846 und 1852 der erste Bahnhof innerhalb der Festung gebaut wurde. Die Züge mussten ja irgendwie hinein und dann auch wieder hinaus“, erklärt Hartinger mithilfe eines historischen Modells
 im Erfurter Stadtmuseum. Am 22. März 1847 fand schließlich die erste Probefahrt von Weimar nach Erfurt statt. Für die Strecke von 21,22 Kilometern brauchte die Eisenbahn etwa eine Stunde und die Fahrt kostete 23 Silbergroschen in der 1. Klasse.

Als schließlich 1873 die Festung aufgegeben wurde, konnte sich die mittlerweile etablierte Eisenbahn sehr viel besser entwickeln. So folgte 1880 der Bau des neuen Bahnhofs auf dem alten Festungswall. Das heutige Empfangsgebäude stammt aus dieser Zeit. „Es war sehr klug von den Erfurter Bürgern, bereits in den 1890er-Jahren auf den neuen Bahnhof und den damit zusammenhängenden Ausbau der Eisenbahn zu setzen“, so Hartinger weiter. „Denn die Entfestigung der Stadt und der Anschluss an die Eisenbahn bedeutete für Erfurt den Aufbruch in die Moderne.“

1 / 5Der alte Erfurter Bahnhof mit dem Uhrenturm am heutigen Willy-Brandt-Platz/
2 / 5Erfurt Hauptbahnhof: Hier hält nun der ICE zwischen Berlin und München/
3 / 5Im Erfurter Stadtmuseum zeigt Dr. Anselm Hartinger an Modellen, wie sich die thüringische Landeshauptstadt entwickelt hat./
4 / 5Der Uhrenturm im Miniaturformat .../
5 / 5... und noch kleiner/

Der Weg zum ICE-Bahnhof

Im Laufe seiner Geschichte erlebte auch der heutige Erfurter Hauptbahnhof zahlreiche Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen. So zum Beispiel, als ab 1920 das heute noch bestehende Empfangsgebäude umgebaut oder als dieses 1960/61 in Vorbereitung auf die erste Internationale Gartenausstellung modernisiert wurde. Als Anfang der 90er-Jahre zudem die neue Rolle des Erfurter Hauptbahnhofs als ICE-Bahnhof auf der Schnellstrecke zwischen Berlin und München beschlossen wurde, war ein grundlegender Umbau des Bahnhofs und des Schienennetzes zwingend erforderlich.

In den folgenden Jahren erhielt der Hauptbahnhof der thüringischen Metropole sein neues Antlitz und wurde zu einem modernen Verknüpfungspunkt zwischen Fern- und Regionalverkehr der Bahn, Straßenbahnen und Bussen sowie dem Individualverkehr. Für den Bahnverkehr mussten 19 Kilometer Gleise umgebaut sowie neue Signal- und Sicherungstechnik installiert werden. Zusätzlich entstanden zwölf Bahnsteige. Das denkmalgeschützte ursprüngliche Vorempfangsgebäude wurde umgebaut und 2002 mit einem neuen Reisezentrum und einer großen Bahnhofsbuchhandlung neu eröffnet. Darüber hinaus bietet die Tiefgarage unmittelbar unter dem Empfangsgebäude mehr als 300 Stellplätze, es gibt einen direkten Zugang zum öffentlichen städtischen Nahverkehr sowie Fahrradstellplätze.

Bis November 2005 wurde der Hauptbahnhof zudem zum Einkaufsbahnhof ausgebaut, der heute auf 4.100 Quadratmetern ein breites Angebot an Dienstleistungen, Handel und Gastronomie bietet. Schließlich stellt der Bau der 154 Meter langen Bahnsteighalle zwischen 2001 und 2008 ein besonderes Highlight dar – war dies doch einer der größten Neubauten einer Bahnsteighalle der vergangenen 100 Jahre in Deutschland. 
Mit ihrer Fertigstellung konnte am 13. Dezember 2008 der neue ICE-Bahnhof Erfurt Hauptbahnhof offiziell an die Stadt und die Reisenden übergeben werden.

Verantwortung für Erfurt

Damit waren die Voraussetzungen für die Realisierung und Fertigstellung des Projekts VDE 8 – zumindest in Erfurt – geschaffen. Noch einmal fast 10 Jahre später ist es so weit, dass die neue Schnellstrecke über Erfurt wieder viel verändern wird – für die Stadt ebenso wie für die gesamte Region. Das bestätigt auch Anselm Hartinger, der selbst begeisterter und erfahrener Bahnfahrer ist.

„Ich erwarte die neue Zeit mit Spannung und freue mich darauf, eine Tagestour nach München machen zu können“, sagt er. Doch obwohl er überzeugt ist, dass die Bahn, was Bequemlichkeit, Verlässlichkeit und Klimaschädlichkeit angeht, unschlagbar ist, gibt er zu bedenken: „Wir freuen uns hier alle auf das Besuchsszenario durch die neue ICE-Strecke. Allerdings bedeutet dies gleichermaßen die Möglichkeit eines Entfluchtungsszenarios. Wenn ich schnell hier in Erfurt bin, bin ich auch schnell weg.“ Das bedeute für die Stadt eine große Verantwortung, für ein attraktives Angebot auf ganzer Linie zu sorgen, damit die Leute auch hierbleiben und Kunst, Kultur und Shopping nicht künftig lieber in Berlin oder München genießen.

Dazu gedenkt Anselm Hartinger mit seinen Museen einen Beitrag zu leisten und bleibt optimistisch: „Die Eisenbahn hat das Leben der Menschen revolutioniert und Dinge möglich gemacht, die vorher nicht denkbar waren.“ Dann erzählt er zum Abschied, dass Felix Mendelssohn Bartholdy so gerne und viel mit der Eisenbahn gereist ist, dass man ihm auf seiner Stammstrecke eine Komponierstube im Zug einrichten wollte.

Wussten Sie …

… ,dass in Erfurt am 19. März 1970 das erste deutsch-deutsche Gipfeltreffen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph stattfand? Das sogenannte „Erfurter Gipfeltreffen“ war im Hotel Erfurter Hof direkt gegenüber dem Bahnhof. Mit dem Sprechchor „Willy Brandt ans Fenster!“ riefen Tausende DDR-Bürger nach dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Als sich der Politiker zeigte, jubelten ihm die Erfurter auf dem Bahnhofsvorplatz zu. Dieses Treffen gilt heute als Auftakt der deutsch-deutschen Annäherung. Der Ausspruch „Willy Brandt ans Fenster“ prangt heute in großen Lettern auf dem Dach des Gebäudes und begrüßt die Besucher Erfurts, wenn sie aus dem Bahnhof treten.

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