Bahnhofsmission: Die Engel vom Ostbahnhof

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  • Autor: Christian Selzer
  • Fotos: einkaufsbahnhof.de

Vor genau 125 Jahren eröffnete in Berlin die erste Bahnhofsmission – im heutigen Ostbahnhof. Heute helfen dort Leiterin Ulrike Reiher und ihre 25 Mitarbeiter Bedürftigen  mit Tee und Gesprächen oder unterstützen Scheidungskinder dabei, von Mama zu Papa zu reisen.

Ein Croissant, ein Plausch, ein Tee im Stehen. Dann hüpft der hagere Mann mit wachen Augen wieder ins Getümmel auf dem Platz vor der Bahnhofsmission. Dort ist er kein Unbekannter, alle nennen ihn hier „Schnellläufer“. „Er ist immer auf dem Sprung, daher der Spitzname“, erklärt Ulrike Reiher. Die 48-Jährige leitet die Bahnhofsmission im Ostbahnhof.

Ein Wartezimmer, ein Beratungszimmer, zwei Büros, eine Dusche und eine Toilette. Oben rattern die Züge, unten duftet es nach Schwarztee. „Viel Zitrone, viel Zucker“, sagt Leiterin Reiher, „das mögen unsere Gäste.“ Ihre Gäste, das sind vor allem Obdachlose, Abhängige, psychisch Auffällige. „Reisende ohne Fahrkarte“, wie Ulrike Reiher sie bezeichnet. Die meisten von ihnen kennt sie persönlich. Viele kommen täglich für eine Stärkung und ein warmes Getränk. Andere brauchen einfach nur jemanden zum Reden. „Mit professionellem Blick erkennt man schnell, was jemand wirklich braucht“, sagt sie.

HILFE AN 365 TAGEN IM JAHR

In der Bahnhofsmission arbeitete Ulrike Reiher zunächst ehrenamtlich. Seit fünf Jahren ist sie dort fest angestellt. Insgesamt halten fünf hauptamtliche und 20 ehrenamtliche Helfer den Betrieb am Laufen. An 365 Tagen im Jahr, von 8 bis 17 Uhr. Die Aufgaben der Helfer sind vielfältig und reichen vom Broteschmieren über Dolmetschen bis hin zu Reisehilfen – wie zum Beispiel dem Umsteige-Service für Menschen, die das Aus- und Einsteigen nicht allein schaffen.

1 / 2Bieten schnelle Hilfe für Menschen in Not: Luise Polomski, Ulrike Reiher und Ramona Schellong (v. l.) von der Bahnhofsmission am Ostbahnhof/einkaufsbahnhof.de
2 / 2Für ein warmes Getränk sind die Bedürftigen oft dankbar./einkaufsbahnhof.de

Dafür brauchen die Helfer vor allem ein großes Herz. „Und die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einstellen zu können“, ergänzt Ulrike Reiher. Auch die Bahnhofsmission am Ostbahnhof musste sich in ihrer 125-jährigen Geschichte immer wieder neu erfinden. Ursprünglich wurde sie gegründet, um Landmädchen vor sexueller Ausbeutung zu schützen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchten die Heimkehrer Beistand. Dann kamen DDR-Rentner und Aussiedler. Seit ein paar Jahren steigt die Zahl der Wohnungslosen und psychisch Kranken, die in der Bahnhofsmission ihre erste oder letzte Anlaufstelle sehen.

WENDEPUNKTE IM LEBEN

Als Volkan die Bahnhofsmission am Ostbahnhof betritt, fällt zunächst sein grüner Koffer auf. Wie sich herausstellt, trägt er darin sein ganzes Leben mit sich. Eigentlich kam der Anfang 30-Jährige vor Kurzem nach Berlin, um einen Neuanfang zu wagen. Doch vor einer Woche landete Volkan auf der Straße – ohne Geld, ohne Papiere. Leider kein Einzelfall, weiß Ulrike Reiher.

1 / 2Für viele sind Ulrike Reiher und ihre Kollegen Anlaufstelle in der Not./einkaufsbahnhof.de
2 / 2Die Helfer sind rund um die Uhr für die Menschen am Ostbahnhof da./einkaufsbahnhof.de

Zwar gibt es in Berlin das Projekt „Housing First“, das Obdachlosen eine Bleibe vermitteln möchte. Doch freie Wohnungen gibt es kaum noch. „Man muss akzeptieren, dass man nicht jedem helfen kann“, sagt Ulrike Reiher, „doch es gibt auch Erfolgsgeschichten.“ So wie die von dem Mann, den alle „Frühduscher“ nennen, weil er eben immer als Erster zum Duschen kam. „Wir konnten ihm Papiere und eine betreute Wohnung besorgen“, erzählt Ulrike Reiher, „das war der Wendepunkt in seinem Leben.“ Heute kommt der „Frühduscher“ hin und wieder vorbei, um seine „Engel vom Ostbahnhof“ zu besuchen. Aber nicht mehr, um zu duschen.

125 Jahre Bahnhofsmission

Die erste Bahnhofsmission wurde 1894 in Berlin gegründet. Ihr Zweck bestand zunächst darin, Frauen Schutz zu bieten. Nach den beiden Weltkriegen versorgten die Bahnhofsmissionen auch zurückkehrende Soldaten. In den 60er-Jahren wurde das Angebot um Reisehilfen für ältere Menschen erweitert. Heute kümmern sich einige Bahnhofsmissionen, so wie die Einrichtung am Ostbahnhof, zunehmend um Abhängige und Wohnungslose. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 100 Bahnhofsmissionen.

Sie wollen helfen?

Unterstützen können Sie die Bahnhofsmissionen mit Sach- und Geldspenden. Vor allem Schlafsäcke und Isomatten werden im Herbst dringend benötigt. Erfragen Sie den Bedarf bitte direkt bei der jeweiligen Einrichtung. Finanzielle Zuwendungen können Sie per Direktüberweisung oder Onlinespende zukommen lassen. Oder Sie engagieren sich ehrenamtlich und helfen vor Ort. Alle nötigen Infos finden Sie online auf bahnhofsmission.de und auf bahnhofsmission-berlin-ostbahnhof.de.

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