Stille Helfer im Bahnhof

Die vielen Bahnhofsmissionen in den deutschen Bahnhöfen sind besondere Orte sozialer Hilfe – in Essen schon seit mehr als 120 Jahren.

Bahnhöfe in Deutschland sind nicht mehr nur Orte, an denen sich alles ums Reisen dreht. Neben Abfahrt und Ankunft gehört heute der Einkaufsbummel am Sonntag oder zum Feierabend ebenso zum geschäftigen Betriebsalltag der Bahnhöfe wie die schnelle Mittagspause. Und an wohl keinem anderen Platz spiegeln sich so deutlich auch die Gegensätze unserer Gesellschaft wider.

Helfen seit 120 Jahren

Schilder in 105 deutschen Bahnhöfen weisen auf einen besonderen Ort hin – die Bahnhofsmissionen. Zwei Millionen Menschen folgen diesen Wegweisern jedes Jahr und nehmen deren unbürokratische und kostenlose Dienste wahr. Als Anlaufstelle für Hilfesuchende stellen sich die Bahnhofsmissionen der Herausforderung, Armut und sozialer Ausgrenzung entgegenzuwirken, beeinträchtigte Menschen sowie Familien mit Kindern zu unterstützen – und das seit mehr als 100 Jahren. Eine von ihnen ist die Bahnhofsmission in Essen, die in Trägerschaft des Caritasverbands für die Stadt Essen und des Diakoniewerks steht und in diesem Jahr sogar schon ihren 120. Geburtstag feiert.

Seismograph der Gesellschaft

„Die Bahnhofsmissionen verstehen sich seit ihren Anfängen als Seismograf der Gesellschaft und bieten die Möglichkeit, sich innerhalb ihrer Arbeit aktuellen Problemlagen anzupassen. Das macht die Arbeit spannend und gleichzeitig wichtig. Kein Hilfesuchender wird abgewiesen, jeder wird an- und vor allem ernst genommen. Dabei ist jedes Lächeln nicht nur Motivation, sondern auch Lohn für unsere Arbeit“, sagt Ulrike Peine, Leiterin der Essener Bahnhofsmission.

Anlaufstelle für alle

Die derzeit 50 ehrenamtlich engagierten Mitarbeiter der Bahnhofsmission Essen sind Berater und Tröster zugleich. Sie bieten unabhängig von Alter, Nationalität, Herkunft oder Religion Unterstützung in Lebenskrisen. Außerdem erhalten Familien mit Kindern hier die Möglichkeit, einen längeren Zwischenstopp stressfrei in einem kindgerechten Umfeld zu überbrücken. Sich ausruhen und Kraft schöpfen – die Essener Bahnhofsmission ist Schutzraum und ein Ort der Notfallseelsorge. Neben den sozialen Hilfen gehören Auskünfte und Hilfen beim Ein-, Aus- oder Umsteigen sowie die Begleitung von alleinreisenden Kindern, Senioren und Menschen mit Behinderungen bis ans Gleis dazu. Und auch eine kleine Stärkung bei einem Heißgetränk halten die Mitarbeiter stets für Hilfsbedürftige bereit.

Das 2001 eingerichtete Sonderprojekt „Bahnhofskinder“ richtet sich überdies an junge Menschen, die auf der Straße leben. „Die Jugendlichen werden an weiterführende Hilfesysteme angebunden und niederschwellig beraten. Seit 2006 bieten wir auch kulturelle Angebote wie Kino- und Ausstellungsbesuche sowie Bastel- und Backaktionen an“, so Ulrike Peine. Wohl einmalig in Deutschland ist zudem das 2013 ins Leben gerufene Konzept „Bahnhofsmission inklusiv“. Hierfür sind drei Mitarbeiter mit Behinderung ehrenamtlich tätig, die mit jeweils einem festen Begleiter ein „Tandem“ bilden und Reisende am Bahnhof unterstützen.

Auf dem Plan für 2017/2018 steht darüber hinaus ein Seniorenprojekt, bei dem ältere Menschen den Essener Hauptbahnhof detailliert erkunden können. Unterstützt durch die Stadt Essen, soll das Projekt zum Erhalt der Mobilität im Alter beitragen und dem Abbau von Unsicherheiten und Ängsten dienen. Außerdem finden Führungen rund um den Hauptbahnhof statt, die das „Quartier“ mit all seinen Möglichkeiten, Ansprechpartnern und Hilfen zeigen.

Die Anfänge der Bahnhofsmission

Die erste Bahnhofsmission wurde 1894 in Berlin durch den evangelischen Pfarrer Johannes Burckhardt gegründet. Seitdem stehen die Mitarbeiter für das Ideal der gelebten Nächstenliebe. Die Bahnhofsmission in Essen wurde 1897 ins Leben gerufen. Anfangs kümmerte man sich hier um junge Frauen, die auf der Suche nach Arbeit in der Großstadt oft in zwielichtige Gesellschaft geraten waren. „Manch jammervoller ‚Fang‘ wird hier in den Wartesälen gemacht, in denen sich so viel Elend zusammenfindet. Gerade die Bekämpfung des organisierten Mädchenschleppwesens gehört zu den vornehmsten und wichtigsten, aber auch gewiss schwierigsten Aufgaben der Bahnhofsmission“, heißt es in einem Jahresbericht aus den 1930er-Jahren. Schwester Minna Sylvester kümmerte sich 1945 in Essen um den Wiederaufbau – in einer kleinen Kaue auf dem Bahnsteig 4-West.

Das Herz sind die Ehrenamtlichen

„Menschlichkeit am Bahnhof“ lautet heute die Devise der Bahnhofsmission. Neben ausgebildeten Sozialarbeitern und hauptamtlichen Mitarbeitern sind es vor allem die Ehrenamtlichen, die ihre Freizeit für Hilfesuchende opfern. „Sie engagieren sich oft über das normale Maß hinaus. Das beeindruckt mich immer wieder und zeigt, wie wichtig und erfüllend die Arbeit in der Bahnhofsmission ist“, so die stellvertretende Leiterin der Essener Bahnhofsmission, Nadine Wittmann. Und weiter: „Die Hauptamtlichen sind der Kopf der Bahnhofsmission, die Ehrenamtlichen sind das Herz.“

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