Moritz Bleibtreu im Interview

Wir trafen den Schauspieler in Hamburg und sprachen über seinen neuen Film, die Sache mit der Freundschaft und vieles mehr.

Moritz Bleibtreu stammt aus einer Schauspielerdynastie und spielt den harten Gangsterboss ebenso überzeugend wie die Figur Kai in „Lommbock“, der Fortsetzung der Kultkomödie „Lammbock“, die am 23. März in den deutschen Kinos anläuft. Wir trafen den Schauspieler zum Interview in Hamburg.

Wie gefällt dir „Lommbock“?
Es ist auf jeden Fall eine geile Komödie, die wir gemacht haben – so viel ist sicher.

Hast du „Lammbock“ vorher noch mal gesehen?
Wir haben uns im März 2015 in Berlin getroffen, den Film noch mal geguckt und Ideen hin- und hergeschmissen. Das war sehr lustig. Dabei ist uns auch aufgefallen, wie dilettantisch „Lammbock“ eigentlich war, voller kleiner handwerklicher Fehler. Aber er strotzt vor Freude, und das ist ja das A und O. Wenn du merkst, dass jemand wirklich Spaß an dem hat, was er macht, findest du das gut – völlig egal, ob es ein Friseur, ein Kellner oder ein Schauspieler ist.

Diese Freude bemerkt man auch bei „Lommbock“ …
Das hat auch einfach irre Spaß gemacht. Das ist eine Temperaturfrage. Als würdest du warmes und kaltes Wasser mischen und irgendwann kommt die perfekte Temperatur heraus. Das passiert – nicht so oft – auch bei Schauspielern, dass du diese Art von Chemie hast und das Timing wie die Faust aufs Auge passt.

Ist es leichter, in einem Film wie „Lommbock“ zu spielen als in „Goethe!“ oder „Chiko“?
Ja, das kann man schon sagen. Komödie ist einfach so: Wenn du einmal das Nadelöhr, also den Ton, den Stil gefunden hast, läuft’s. Das ist das Schwere daran. Daher kommt ja auch diese Floskel in unserem Beruf, „Komödie ist am allerschwersten“. Drama ist viel einfacher, weil Spannung einfach zu erzeugen ist.

Inwiefern?
Du machst das Licht aus, ein paar Schritte von draußen im Off und dann hat jeder Angst. Aber Leute zum Lachen zu bringen ist nicht so einfach. Komödie ist voll gemein und voll dankbar gleichzeitig. Gemein, weil es echt blöd ist, wenn es nicht klappt. Es gibt nichts Schlimmeres als eine Komödie, die nicht lustig ist. Das ist noch viel schlimmer als ein Drama, das nicht so richtig spannend ist. Aber wenn es klappt, ist Komödie sehr dankbar. Dann bringst du die Leute zum Lachen und bekommst unheimlich viel Feedback.

Wie viel von deiner Filmfigur Kai steckt in dir?
Das ist lustig, ich werde das immer wieder gefragt. Tatsächlich habe ich mit Kai wenig, eigentlich gar nichts gemeinsam. Aber scheinbar erweckt die Figur den Eindruck, dass sie ganz dicht an mir dran ist. Schön.

Ist Kai eine tragische Figur?
Nein, nicht wirklich. Ich glaube, er ist jemand, der ganz gerade im Leben steht und seinen Frieden damit gemacht hat, dass es Dinge gibt, die er im Leben nicht machen wird. Er hat natürlich auch mal sentimentale Momente, in denen er zweifelt. Aber im Kern lebt er in seinem Kosmos und fühlt sich da wohl. Er braucht die Welt da draußen gar nicht.

Im Gegensatz zur zweiten Hauptfigur Stefan?
Der Unterschied ist ja, dass Stefan vermeintlich Karriere gemacht hat und Kai vermeintlich der geblieben ist, der er war. Und dann zeigen wir langsam, dass dem gar nicht so ist und Stefan auch so geblieben ist, wie er war, und das nur vorgetäuscht hat. Das ist ja etwas, was viele Leute tun. Daher ist das Verhalten von Kai fast schon ehrlicher und auch gesünder. Und das versteht Stefan im Laufe des Films.

Was wäre deine erste Frage, wenn du einen alten Freund nach 15 Jahren wiedertreffen würdest?
Wie geht’s dir? Alles gut? (lacht) Nein, im Ernst. Bei der Freundschaft, die in „Lommbock“ erzählt wird, ist die Basis die Zeit, die man miteinander verbracht hat. Es ist ja immer die Frage, was das Wort „Freund“ für wen bedeutet und wie diese Abstufungen funktionieren. Es gibt zum Beispiel viele Menschen, die ich als „Freunde“ bezeichne. Und dann gibt es diesen Kreis von Freunden, die ganz nah an mir dran sind, die ich um mich habe, seit ich 16 bin. Die müsste ich eigentlich anders nennen.

Wie zum Beispiel?
„Familie“ vielleicht. Die Zeit, die man miteinander verbringt, schweißt dich zusammen. Das ist einfach so. Klar kannst du mit Mitte 30 jemanden kennenlernen und sagst: Wir sind seelenverwandt und die besten Freunde. Aber die Bindung wird nicht so sein wie mit jemandem, mit dem du durch Dick und Dünn gegangen bist und mit dem du deine naive Jugend verbracht hast. Das kannst du nicht mehr wegradieren – selbst wenn du das willst. Das trägst du dein ganzes Leben lang mit dir. Das ist übrigens einer der Gründe, weshalb das bei Frauen oft so schiefgeht.

Ist das so?
Ich finde schon. Aus irgendwelchen Gründen kommt es nämlich bei Frauen öfter dazu, dass eine Freundschaft zu früh kaputtgeht, als dass daraus so eine zeitlose Freundschaft wird, wie bei Kai und Stefan im Film oder wie ich sie in meinem Leben habe. Ich kenne wenige Frauen, die das geschafft haben. Und das liegt ganz simpel an der Zeit. Wie in der Familie Mutter und Sohn oder Vater und Sohn. Wenn du als Vater keine Zeit mit deinem Kind verbringst, wird es dich zwar lieben, aber der Bund als solches entsteht nicht dadurch, dass du weißt, das ist mein Vater. Er entsteht über die Zeit, die man miteinander verbringt. Und je älter man wird, desto mehr versteht man das auch.

Funktioniert Freundschaft bei Männern besser, weil sie weniger voneinander erwarten?
Nee, ich glaube eine Freundschaft zwischen zwei Menschen ist immer eine Beziehung mit einem Konfliktpotenzial. Ein Konflikt zwischen zwei Männern endet in letzter Konsequenz in der physischen Auseinandersetzung. Und in dem Moment, in dem die Frage „Wer geht da als Lächelnder raus?“ beantwortet ist, ist diese Frage obsolet. Dann ist gut. (lacht) Bei Frauen ist das anders, weil sie sich untereinander nicht hauen. Deshalb findet so ein Konflikt oftmals kein Ende und schaukelt sich hoch. Männer sind da viel schlichter.

Ist das in der Liebe auch so?
Dieses Zeitlose ist genau das, was Liebe nicht fähig ist zu bieten. Das ist ja das Problem mit der Scheißliebe. Liebe ist nie zeitlos, sondern jeder weiß, dass dieses Gefühl immer einen zeitlichen Rahmen hat. Deshalb sind auch alle so verrückt darauf beziehungsweise deswegen. Sie wissen instinktiv, dass das nicht bleibt. Das ist der große Unterschied zur Freundschaft.

Wirst du entspannt älter?
Och ja. Ich finde es ganz gut und bin froh, dass ich älter werde – nicht nur privat, sondern auch beruflich. Klar bin ich auch irgendwie so ein Berufsjugendlicher, das wohnt mir inne, und das ist okay. Aber ich bin halt keine 30 mehr. Der Vorteil ist, dass man mir jetzt auch zutraut, gestandene Männer zu spielen. Das macht die Palette und die Rollenangebote viel größer. Auf einmal darf ich eben auch Anwälte und Ärzte spielen. (lacht)

Ich werde mich nie erwachsen fühlen.

Fühlst du dich erwachsen?
Nein. Ich glaube, ich werde mich nie erwachsen fühlen. Ich warte heute noch darauf. Wenn du mir mit Anfang 20 erzählt hättest, dass ich mit Mitte 40 so bin wie jetzt, hätte ich gesagt: Never ever! Aber ich glaube, das ist so ein Ding unserer Generation. Das hat viel mit Konventionen und Traditionen zu tun, die immer mehr abgelegt wurden. Wir haben ja alle irgendwann mal gedacht, wir müssen doch mal werden wie unsere Eltern. Das passiert aber nicht. Denn was wir nicht schnallen, ist, dass die immer so waren. Die waren schon mit 20 so.

Meinst du?
Ja, natürlich! (lacht) Wir denken, das hat was damit zu tun, dass die alt geworden sind. Aber nein, nein. Die waren schon immer so. Das ist der große Unterschied. Und wir bleiben halt auch so, aber auf unsere Art.

Im Film geht es auch um Vorbildfunktion. Ist das für dich privat ein Thema?
(zitiert aus dem Film: „Vorbildfunktion, du Hurensohn!“ und lacht) Ich bin da sehr selbstkritisch und mache auch viele Fehler. Kinder hören halt nicht. Kinder sehen. Es ist nicht damit getan, zu sagen: Das ist doof, das darfst du nicht machen. Das interessiert ein Kind null. Wenn es dich mit einer Zigarette auf der Terrasse sieht, dann hast du es schon verkackt. Du wirst nie etwas rechtfertigen können, was du selbst machst. Das macht es schwierig. Ich bin da sicherlich nicht frei von Fehlern. Ich versuche natürlich, meinem Sohn nicht zu viel Quatsch vorzuleben. Aber ganz vermeiden lässt sich das nicht. (lacht)

Darf dein Sohn deine Filme sehen?
Die meisten nicht. Aber ich habe ja zum Glück auch ein paar Kinderfilme gemacht. Die darf er sehen, und darüber freut er sich. Auf die anderen muss er noch warten. „Lammbock“ zum Beispiel ist ab 16. Vorher kriegt er den auch nicht zu sehen. Das machen wir ganz regelkonform.

Wie erholst du dich vom Drehen?
Durchs nach Hause Kommen. Mehr ist es nicht. Aber ich habe das eh nicht, dass ich dann in ein Loch falle. Klar bin ich manchmal unglaublich müde, weil ein Film sehr anstrengend war. Aber da bleibt ja auch nur die Couch. Wobei das relativ ist, wenn du Familie hast. Du kannst ja nicht erwarten, dass deine Familie dir die ganze Zeit Kraft spendet. Wenn Leute mir sagen, „mein Sohn gibt mir so viel Kraft“, sage ich immer: Du arbeitest nicht, ne? (lacht)

Wie bitte?
Na ist doch so. Das ist doch gelogen. Ist ja auch klar. Du bist der Vater oder die Mutter. Du bist also derjenige, der Kraft zu geben hat, und zwar deinem Kind. Dein Sohn sitzt da und sagt: „Papa, komm, los geht’s!“ Der gibt dir keine Kraft, der nimmt sie dir. Und das ist gut so, so gehört es auch. Natürlich gibt er mir auch Kraft in Form von Liebe, so ist es ja gemeint. Aber wenn ich manchmal für einen Tag vom Drehen nach Hause fahre, komme ich gerädert zurück ans Set. Mein Sohn steht halt um sieben Uhr auf. Und mit sieben Uhr bist du noch glücklich. Insofern ist es relativ, dass das so viel Kraft gibt. Aber es gibt dir viel Freude, schöne Momente und Herzenswärme.

Kinder geben keine Kraft – sie nehmen sie dir. Und das ist gut so.

Gibt es so was wie den bislang besten Moment deiner Karriere?
Nö, das kann ich eigentlich nicht sagen. Das sind eher Phasen, in denen viel Tolles passiert. Aber hey, ich habe das Leben bisher als ständiges Regulativ kennengelernt. Immer wenn etwas Tolles passiert ist, dann kam sowieso von irgendwo anders her eine Nackenschelle. An diesem Yin-und-Yang-Ding ist schon etwas dran. Irgendwas ist immer, wie man so schön sagt. (lacht) Aber so muss es ja auch sein. Stell dir mal vor, man würde nur gute Filme machen. Das geht ja gar nicht.

Was würdest du machen, wenn es mit der Schauspielerei mal vorbei wäre?
Ich würde sicher in dem Fach bleiben. Schreiben zum Beispiel. Und Regie interessiert mich auch sehr. Sonst gibt es keine großen Alternativen. Im letzten Jahr habe ich ja meinen ersten Film produziert, mich das also endlich mal getraut. Der Film heißt „Nur Gott kann mich richten“ von Özgür Yıldırım, mit dem ich auch „Chiko“ gemacht habe. Das ist inhaltlich eine Fortführung von „Chiko“, ein Film von der Straße, über Jungs von der Straße. Und im Herbst kommt er ins Kino.

Also nicht das Häuschen in der Provence und Lavendel züchten?
Also dagegen hätte ich nichts. Ich weiß zwar nicht, ob ich Lavendel züchten würde, aber das Haus nehme ich gern. Ich bin ja durchaus jemand, der den schönen Dingen auf der Welt sehr zugewandt ist. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich es gern nett und gern einen Euro mehr in der Tasche habe, als ich vielleicht brauche. Ohne – hoffentlich! – gierig zu sein.

Wird es „Lammbock 3“ geben?
Eines ist klar: Aus guten Fortsetzungen werden immer Reihen. Das würde ich mir in diesem Fall auch wünschen. Ich denke, wir würden alle gern noch mehr machen. Aber jetzt gucken wir erst mal, ob die Leute „Lommbock“ lustig finden, und dann sollen die das entscheiden.

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