Yvonne Catterfeld im Interview

Wir trafen die Sängerin und Schauspielerin in Berlin und sprachen mit ihr über ihr neues Album, ihren Imagewandel und Herausforderungen.

Als Yvonne Catterfeld pünktlich das „The Grand“ in Berlin-Mitte betritt, ist sie sofort begeistert von der Location und der Atmosphäre. Nachdem sie jedes einzelne Teammitglied mit Handschlag und Vorstellung begrüßt hat, lässt sie sich dann auch entsprechend entspannt fotografieren. Später plaudern wir über die gute Entscheidung, bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ und „The Voice of Germany“ mitzumachen, ihr neues Album „Guten Morgen Freiheit“ und den Anspruch an die eigene Arbeit.

Du stehst seit elf Jahren wieder auf der Bühne. Wie ist das?
Überraschend gut. Man bekommt direktes Feedback, die Songs eignen sich für einen vielfältigen Abend, und man ist im Austausch mit dem Publikum. Ich hätte nicht gedacht, dass es sooo gut ankommen würde, und freu mich überhaupt, dass verschiedenste Menschen von Jung bis Alt sich entscheiden, den Abend mit mir und meiner Band zu verbringen.

Ist diese aufgefrischte Bühnenerfahrung auch für „The Voice of Germany“ wichtig?
Jede Erfahrung kann man wiederum weitergeben. Vor allem aber untermauert es vieles, was vielleicht noch Theorie war. Das Schöne ist, dass ich fast täglich Besuch von meinem „The Voice of Germany“-Team hatte. Tay und Alessio sind sogar dreimal im Vorprogramm für den leider krank gewordenen Bengio eingesprungen, mit dem ich unseren Song „Irgendwas“ gemacht habe. Mit Friedemann und Jonny, der später im Team Fanta war, habe ich jeweils zwei Songs gesungen.

Was hältst Du generell von Castingshows?
Castingshow ist ja nicht gleich Castingshow. Und von denen, die es im Moment gibt, hat für mich eigentlich nur „The Voice of Germany“ eine Berechtigung und Unterhaltungswert. Ich finde den Umgang mit den Talenten, den ich ja selbst mitbekommen habe, sehr respektvoll, menschlich und künstlerfreundlich. Es war ein sehr emotionales Ambiente dort.

Kann das ein Sprungbrett sein?
Das ist schon eine Chance. Aber es ist kein Versprechen, dass man automatisch eine Karriere hat, wenn man gewinnt oder weit kommt. Es ist ein Sprungbrett, und ich glaube, so sehen es auch die meisten. Natürlich ist die Enttäuschung trotzdem groß, wenn man rausfliegt. Wir entscheiden da ja auch über die Zukunft des Kandidaten. Das ist eine große Verantwortung.

Inwiefern war das Coaching eine neue Erfahrung für Dich?
Den Teil fand ich am tollsten. Das hat mir am meisten Spaß gemacht, weil ich das seit Anbeginn meiner Karriere selbst nutze. Ich habe seit 16 Jahren Coachings in den unterschiedlichsten Bereichen, Gitarre, Klavier, Gesang und all das, vor allem aber im Schauspiel. Damals sagte man noch Unterricht. (lacht) Ich habe mich dann auch daran erinnert, dass ich ja mal Gesangslehrerin werden wollte.

Gehört das zum Erfolg dazu?
Für mich ist Erfolg, wenn man die Arbeit dahinter sieht. Bei manchen Filmen von mir sehe ich zum Beispiel meine Vorbereitung. Darüber bin ich in dem Moment dann glücklich, und das ist für mich der eigentliche Erfolg.

Hast du beim Coaching davon profitiert, dass du Mutter bist?
Da bin ich gar nicht sicher. Ich denke, da haben mir eher meine eigenen Coachings geholfen. Mir sagen schon Leute nach, dass ich etwas Mütterliches an mir habe. Aber das hatte ich vorher schon. Das hat aber eher damit zu tun, dass ich sehr empathisch und auf Augenhöhe mit allen bin und allen ein gutes Gefühl geben möchte. Und ich versuche, mich um alle zu kümmern.

Was ist Dein wichtigster Rat für aufstrebende Talente?
Das Schwierige am Anfang ist ja, dass viele Leute auf einen einreden und man vielleicht auch den Eindruck hat, Dinge machen zu müssen, die man gar nicht mag. Das ist ein schwieriger Grad: Wo gehe ich einen Kompromiss ein und wo nicht? Da kommt es darauf an, bei sich zu bleiben. Sich-treu-Bleiben klingt banal, ist aber sehr schwer und eine große Herausforderung. Aber wenn man sich einmal vor der Kamera verstellt, muss man sich immer verstellen. Das ist wirklich wichtig, wenn man authentisch bleiben will.

Dieses Sich-treu-Bleiben klingt banal, ist aber sehr schwer und eine große Herausforderung.

Worin wärst Du noch ein guter Coach?
(überlegt lange) Hm. Ich bin sehr begeisterungsfähig und kann jemanden als Mentor sehr gut pushen, ermutigen und Qualitäten hervorheben. Und ich finde Kommunikation ganz spannend, also aufzudecken, wo es dabei Probleme gibt, das von außen zu betrachten – ohne die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. (lacht)

Na, das macht ja dann noch mal andere Berufsfelder auf ...
(lacht) Nee, nee. Das wär mir nix.

War es gut, mit „Sing meinen Song“ und „The Voice“ sehr viel persönlicher ins Rampenlicht zu treten?
Ja! Das waren sogar die besten Entscheidungen. Auch wenn ich manchmal gezweifelt habe, war das ganz wichtig für mich. Eigentlich mag ich es ja nicht, mich so persönlich zu zeigen. Da habe ich eher Berührungsängste. Ich bin niemand, der sich in die Öffentlichkeit drängt und ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit hat. Da ist „The Voice of Germany“ natürlich etwas, das genau das erfüllt, was ich eigentlich nicht unbedingt forciere. Insofern waren beide Formate – um es plakativ zu sagen – Mutproben. (lacht) Denn bei beiden kann man nicht vorhersagen, wie es wird. Das war schon ein großes Risiko. Aber auch eine Chance.

Hast du das Gefühl, dass sich dein Image dadurch geändert hat?
Ja. Definitiv ja. Glücklicherweise, muss ich sagen. Irgendwann ist das Image so und bleibt so, weil es sich festgefressen hat. In einer Talksendung hast du nur ungefähr 20 Minuten, und ich bin einfach niemand, der da sofort locker ist. Aber bei „Sing meinen Song“ oder „The Voice of Germany“ hat man über eine längere Strecke Zeit, sich wohlzufühlen, locker zu werden und dementsprechend auch so zu sein, wie man ist. Das war etwas, wobei ich zuerst dachte, das ist eher ein Problem. (lacht) Und dann hat sich genau das aber als mein Vorteil herausgestellt und war auch wirklich befreiend.

Befreiend?
Auf jeden Fall. Weil dann Leute gesagt haben: Jetzt sehe ich dich. Das ist ja auch Teil meines Albums. Darauf gibt es einen Song, der heißt „Mehr als ihr seht“. Das ist schon ein Thema, das ich sehr mit mir rumgetragen habe. Wenn dann auf einmal zwei Sendungen kommen, in denen Menschen verstehen, was ein Image ist und dass das nicht unbedingt etwas mit dem Menschen zu tun haben muss, dann ist das befreiend. Besonders wenn der Zuschauer dann denkt: „Mensch, die ist ja ganz anders, als ich dachte. Die ist ja cool. Vorher fand ich die total doof.“ (lacht) Es ist befreiend, wenn man seinem stehengebliebenen Image entkommen kann, vor allem, wenn man sich wie ich gern weiterentwickelt. Und ich glaube, dass das mit diesen beiden Sendungen passiert ist.

Man hört und liest immer wieder, dass Du die wohl unterschätzteste Künstlerin Deutschlands bist ...
Ja, das taucht immer mal wieder auf, aber immer seltener. Das hat viele Nachteile, hat aber auch immer den Vorteil gehabt, dass die Erwartung so niedrig war, dass man sie eigentlich nur toppen konnte. (kichert sehr) Man kann also immer wieder überraschen, und das ist etwas, was ich mir dann irgendwann zunutze gemacht habe, vor allem bei „Sing meinen Song“. Da habe ichgedacht, jetzt kann ich mal machen, was ich will – na, dann mach ich das jetzt auch. Das ist eine Gelegenheit, auf die man wartet, wenn man lange in eine bestimmte Schublade gesteckt wurde, die mit der Persönlichkeit und dem Können gar nicht so viel zu tun hat. Und jetzt ist es so, wie ich es mir immer gewünscht habe: Jetzt ist es ein Abbild der Realität und nichts Produziertes, worauf man selbst gar keinen Einfluss mehr hat.

Unterschätzt zu werden, hat den Vorteil, dass man die Erwartung eigentlich nur toppen kann.

Du erscheinst sehr bescheiden und bodenständig. Das ist doch eigentlich im Musikbusiness und in der Schauspielerei nicht gerade förderlich, oder?
(lacht) Ja, darüber habe ich auch viel nachgedacht. Zwar nicht mehr aktuell, aber das ist schon was, wovon ich dachte, es steht mir im Weg. Ich bin nach wie vor niemand, der sich in den Vordergrund spielt. Mittlerweile kann ich aber sagen, dass das Qualitäten sind, die man an mir sehr zu schätzen weiß und die eher förderlich sind. Man kann sehr gut mit mir arbeiten, ich behandele alle auf Augenhöhe, ich bin fair und freundlich. Aber es gibt auch Situationen, in denen ich mich selbst vertreten muss. Dann kann es passieren, dass manche Menschen damit nicht umgehen können. Und dann heißt es schnell, jemand sei zickig. Da bin ich immer sehr vorsichtig.

Inwiefern?
Es gibt einfach Künstler, die wissen, was sie wollen, und einen Anspruch haben. Die setzen dann auch Sachen durch und sind nicht immer beliebt. Da prallen einfach Interessen aufeinander, es gibt einen Konflikt, und jemand wird als zickig abgestempelt. Auch darum geht es ja auf meinem Album viel: Klischees und Vorurteile.

Aber anstrengend ist manch einer in dieser Branche schon, oder?
Das hat aber vielleicht eher mit Anspruch zu tun. Manchmal ist es einfach nicht so gern gesehen, wenn jemand einen Anspruch hat, seine Arbeit richtig gut machen und Kontrolle ausüben will. Und entweder versteht man das, oder man kommt eben nicht damit klar. Ich finde, das gehört zu Qualität dazu. Und wenn man in seinem Beruf Qualität abliefern möchte, braucht man Anspruch. In der Konsequenz führt das dann eben auch mal dazu, dass man aneckt, weil jemand das gern einfacher hätte. Aber klar, es gibt zickige Menschen, mit denen ich auch nichts anfangen kann, weil sie sich selbst am wichtigsten sind.

In dem Song „Irgendwas“ geht es darum, auf der Suche zu sein. Bist Du noch auf der Suche?
Nein, ich bin angekommen. Es gibt natürlich immer mal wieder Momente, wo man sucht und glaubt, etwas verändern zu müssen. Aber was will man mehr als eine glückliche Familie?

Und beruflich?
Beruflich bin ich eigentlich immer auf der Suche irgendwie. Auf der Suche, besser zu werden. Auch das ist ja auf dem Album tatsächlich ein Thema, wo ich mich dann auch selbst hinterfrage, ob man denn wirklich immer besser werden muss. Beruflich bin ich immer auf der Suche nach Herausforderungen. Wenn sie kommen, finde ich sie grundsätzlich erst mal eher unangenehm. Aber es reizt mich dennoch. Deswegen bin ich vielleicht auch schon so lange dabei. Ich bin immer wieder ins kalte Wasser gesprungen. Sich immer wieder auf unberechenbare Situationen einzulassen, zieht sich tatsächlich von meiner Jugend bis heute. Aber das ist eben auch Teil des Berufs. Da gibt es keine Sicherheit – in keiner Hinsicht.

Du bist seit 16 Jahren im Geschäft. Macht das nicht sicher?
Nein. Sicherheit empfinde ich tatsächlich nur in meinen eigenen vier Wänden. Aber ich bin mir meiner selbst sicherer. Ich habe mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Alles andere kann ich nicht bestimmen und beeinflussen, aber ich weiß, dass ich mich auf die Dinge besser einstellen kann. Und das gibt mir Sicherheit. Das hilft sehr in diesem unsteten Beruf, in dem ständig neue Sachen passieren und man gefühlt immer wieder von null anfängt. Es ist natürlich auch spannend, aber unberechenbar.

Hilft da eine fundierte Ausbildung?
Ja, sie gibt mir Sicherheit, ich bereite mich auf alles so gut es geht vor. Bei „The Voice of Germany“ ist das natürlich anders. Das ist wie Fallschirmspringen. Oder eher wie Fallschirmspringen mit einem Fallschirm, von dem du nicht weißt, ob er aufgeht. In meinem Fall ist er zum Glück aufgegangen. (lacht) Beim Singen auf der Bühne bekomme ich auch immer mehr Sicherheit und Gelassenheit. Aber da spielt mir mein Körper manchmal Streiche in Form von Lampenfieber und Aufregung. Aber das bekommt man durch Routine immer mehr in den Griff, und die kriege ich ja jetzt wieder.

Schauspielerst und singst du abwechselnd oder gleichzeitig?
Das ist schon schwierig. Eigentlich funktioniert es nur, wenn man das eine lässt, während man das andere macht. In diesem Jahr zum Beispiel ist gar kein Platz für Schauspiel, da sich alles um Musik dreht. Ende des Jahres wird sich das wieder ändern, da drehe ich „Wolfsland“ (ARD Krimi-Serie). Schauspiel habe ich ja eigentlich immer gemacht. Musikalisch war das anders. Da gab es längere Pausen, aber die brauche ich auch.

Kannst du eines von beidem besser?
Nee, inzwischen nicht mehr. In der Schauspielerei habe ich mir alles erarbeitet, was ich musikalisch intuitiv gemacht habe. Die Musik kommt eher aus dem Bauch. Schauspiel ist wirklich harte Arbeit mit dem Erlernen von verschiedenen Techniken, Trainings usw. Da musste ich mich erst mal finden und Werkzeuge in den Händen haben, mit denen ich gut arbeiten kann.

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