Katja Riemann im Interview

Wir trafen die Schauspielerin im Berliner Zoo Palast, wo sie ein gern gesehener Gast ist – ob persönlich oder auf der großen Leinwand.

Für Katja Riemann ist der Besuch im Zoo Palast ein Heimspiel.
 Sie kennt das ehemalige Premierenkino im Berliner Westen gut und ist dort ein gern gesehener Gast. Insofern ist unser Fotoshooting dort ein willkommener Anlass, nicht nur über ihren neuen Film „Forget about Nick“ (Regie: Margarethe von Trotta) zu sprechen, sondern über ihr Vertrauen in ihre Kolleginnen sowie die Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Dabei sprüht die vielseitig begabte Schauspielerin nicht nur vor Leidenschaft für ihren Beruf, sondern auch vor Begeisterung für das Kino.

Was ist „Forget about Nick“ für ein Film?

Das weiß ich auch nicht so recht. (lacht) Es ist vor allem ein Margarethe-von-Trotta-Film. Ich hoffe auch sehr, dass der Film nicht mit der Genrebezeichnung „Komödie“ angekündigt wird, denn das ist er nicht. Würde ich zumindest sagen.

Also keine Komödie?
In dem Moment, in dem man einen Genrestempel auf einen Film macht, löst man ja eine Erwartungshaltung beim Publikum aus.
 Und diese ist wiederum geprägt durch Erfahrungen bzw. eine Geschichte von Komödien dieses Landes und das passt nicht wirklich zu diesem Film. Daher hoffe ich, dass man einfach sagt: der neue Film von Margarethe von Trotta.

Zwei sehr unterschiedliche Frauen müssen auf einmal zusammenwohnen. Warum ist das so schwierig?
Na ja, beide Frauen waren mit demselben Mann verheiratet und sind nacheinander von ihm verlassen worden. Nun haben sie jeweils die Hälfte einer Wohnung von diesem Ex-Mann bekommen, wollen beide dort leben, kennen sich aber gar nicht. Dazu kommen monetäre Probleme, keine kann die andere auszahlen. Das ist die Exposition des Films, die ich sehr stark und lustig finde.

Absolut. Was sind das für Frauen?
Es sind zwei blonde Europäerinnen, die sich äußerlich etwas ähneln. Die jüngere war Model und ist gerade im Begriff, ihre erste Kollektion als Designerin zu präsentieren. Sie liebt es zu essen und ist ständig auf Diät. Die ältere, das wäre dann ich, hat zwei Kinder großgezogen, währenddessen ihren Doktor in Germanistik gemacht und als Lehrerin gearbeitet. Sie hat noch nie eine Diät gemacht, kocht wahnsinnig gerne und das sehr gut und viel. Die eine ist fundamentalistisch ordentlich, die andere terroristisch unordentlich.

Nach allem Groll und verletzter Eitelkeit entdecken die beiden Solidarität. Ist das generell schwierig?
Ich weiß nicht, es kommt auf die eigene Erfahrung an. Ich empfinde Frauen als solidarisch. Sowohl die, die ich kenne, die meine Freundinnen und Kolleginnen sind, als auch jene wunderbaren Frauen in meiner Agentur oder in den Menschenrechtsorganisationen weltweit. Die Kompetition, die offensichtlich evolutionär in uns schlummert, ist mir so deutlich noch nicht begegnet. Vielleicht hat es aber auch mit mir zu tun, weil ich Frauen so mag. Das nimmt den Wind aus den Segeln. 

Das ist beneidenswert ...
Vielleicht hängt es aber auch davon ab, in welchem Beruf du arbeitest, unter welchem Druck und mit wem. Und ob du in dem Bereich deines Talents und deiner Freude arbeitest. Das ist wohl ein Privileg. Der Beruf bestimmt die Majorität deines Lebens. Wenn du das nicht gerne machst oder unheimlichem Druck, Furcht und Konkurrenz ausgesetzt bist, prägt dich das. Ich arbeite in einem freiheitlichen Beruf, der von der Durchmischung von Männern und Frauen, Generationen und Backgrounds geprägt ist, von verschiedenen Departments, von Kunst und Handwerk gleichermaßen. Quote brauchen wir dennoch.

Zum Beispiel „Pro Quote Regie“ für eine Frauenquote bei der Vergabe von Regieaufträgen im Film. Warum ist so etwas wichtig?
Man braucht solche Initiativen für die Motivation. Frauen sind ja nicht per se bessere Filmemacher, aber durch „Pro Quote Regie“ bekommen sie die Motivation und den Raum, der die Filmkunst von Frauen sichtbar macht.

Kann das wirklich funktionieren?
Ich habe vor Jahren mal einen Bericht gelesen über eine Frau, die CEO einer mächtigen Firma war. Sie sagte, dass sie sich niemals um diese Stelle beworben hätte, wenn es nicht die Quote gegeben hätte, die sie ihre Unsicherheit überwinden ließ, um sich zu bewerben. Und anzutreten in der männlich dominierten Welt der Vorstandschefs. Das ist ein zelluläres Ding bei Frauen, schätze ich. Ich lese dazu gerade ein Buch des israelischen Historikers Harari, der Evolutionstheorie sehr verständlich erklärt. Ist großartig.

Ich könnte keinen 9-to-5-Job machen. 

Dazu gesellt sich noch ein Problem, das auch in Ihrem Film auftaucht: Kind oder Karriere ...
Das Problem ist, dass Frauen oder auch Männer, also Eltern, endlos rumlaufen müssen, um einen Kitaplatz für ihre Kinder zu bekommen. Das kann doch nicht sein. Da ist die Politik gefragt, die für jedes Kind einen Kindergartenplatz garantieren muss, wie ja auch jedes Kind einen Schulplatz erhält. Versteh einer, warum das nicht klappt. Zumal so wenig Kinder geboren werden in Deutschland.

Ist diese Vereinbarkeit im künstlerischen Bereich einfacher?
Nein, überhaupt nicht. Unsere Arbeitszeiten sind krass. Wir arbeiten zwölf Stunden am Tag oder mehr und auch nachts oder am Wochenende. Es hat alles immer Vor- und Nachteile. Ich könnte jedenfalls keinen 9-to-5-Job machen.

Wie ging das mit Ihrer Tochter?
Mein Kind war immer bei mir. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter schon in Pension war, als meine Tochter geboren wurde, und uns begleiten konnte. Als meine Tochter acht Monate alt war, drehte ich meinen ersten Film mit Kind – „Der bewegte Mann“. Seitdem sind wir überall zu dritt aufgetaucht. Deshalb weiß ich auch immer genau, wann welcher Film gedreht wurde, weil ich weiß, wie alt meine Tochter war. (lacht)

Das klingt gut.
Es hat top funktioniert. Ich habe sozusagen meine Filmkarriere als Mutter gemacht. Dann kam mein Kind zur Schule und ich habe hier 
in Berlin Theater gespielt und Musik gemacht, da ich sie jeden Tag zur Schule bringen und mittags Essen kochen wollte. Viel Organisation. Kennt bestimmt jede berufstätige Mutter.

Das kann ich mir vorstellen ...
Ich habe vor Jahren am Gorkitheater ein Stück gemacht, das hieß „Damen der Gesellschaft", von Adriana Altaras inszeniert. Wir waren zwölf Schauspielerinnen, Adriana, die Regieassistentin und die Kostümbildnerin – und fast alle hatten Kinder. Wir haben einen Probenplan nach den Terminen unserer Kinder gemacht. Eine konnte freitags nur bis 15 Uhr, da der Sohn Karate hatte, ein anderes Kind hatte donnerstags um 16 Uhr Ballett und bei einem dritten war mittwochs die Schule um 14 Uhr zu Ende. Und meistens war ein Kind mit auf der Probe, weil es krank war. Aber wir haben’s hinbekommen, entspannt. Und es gab eine grandiose Premiere.

Frauen schaffen es doch trotzdem.

Ginge das auch bei Männern?
Ich finde diese Vergleiche und generalisiertes Männer-Bashing sehr uncharmant. Andererseits konnten wir uns fünfzehn Männer, die ihren Probenplan nach den Terminen ihrer Kinder machen, nicht so richtig vorstellen. Die haben meistens Frauen, die sich kümmern. (lacht)

Schon ein großer Vorteil, oder?
Wir schaffen es doch trotzdem. Denken Sie nur an die wunderbaren Filme der letzten Jahre: „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader, „Wild“ von Nicolette Krebitz oder „Toni Erdmann“ von Maren Ade, „Mängelexemplar“ von Laura Lackmann – das sind wirklich außergewöhnliche, einzigartige Filme.

Und Margarethe von Trotta.
Und Margarethe. Sie ist die Königin. Sie macht das schon so lange! Ich hatte die Ehre mit Margarethe zu Filmfestivals zu reisen. Sie können sich nicht vorstellen, was da abgeht, wenn Margarethe kommt. Die Leute küssen quasi den Boden, über den sie läuft. Zu Recht.

Ich möchte irgendwann auf die andere Seite der Kamera.

Katja Riemann

Also haben Sie Hoffnung für die Frauen im deutschen Film?
Wir müssen uns auf unser Talent, unsere Intelligenz, unseren Humor und auf die Geschichten, die es zu erzählen gilt, besinnen. Und mutig sein. Oder unbequem. Erwartungshaltungen nicht erfüllen. Und uns vor allem gegenseitig unterstützen.

Sie haben schon soviel erreicht und geleistet. Was möchten Sie unbedingt noch machen?
Ich möchte irgendwann auf die andere Seite der Kamera. Wo wir gerade von Mut sprechen ... Die Geschichten erzählen, die ich für erzählenswert halte, in einem Stil, der der meinige ist. Ich habe großen Respekt vor Regisseuren, die sich jahrelang mit einem Buch beschäftigen, bis es schließlich finanziert wird und gedreht werden kann. Manchmal wundere ich mich, dass es überhaupt Filme gibt, wenn man sieht, welch diffiziler Prozess dieses Filmemachen ist.

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