Jan Josef Liefers im Interview

Als Prof. Boerne ermittelt er im Tatort – und ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Regisseur und Autor. Wir trafen Jan Josef Liefers in Berlin.

Der Mann mit der Gitarre kommt uns bekannt vor. Das ist doch Jan Josef Liefers, oder? Ist der nicht eigentlich Schauspieler? Ist er. Und zwar einer der erfolgreichsten in Deutschland. Doch da ist noch ein anderer Liefers. Einer der Songs schreibt, singt und Gitarre spielt. Und das nicht nur mal eben nebenbei. Wir trafen ihn in dem musikbetonten Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium in Berlin zum Interview und sprachen mit ihm über seine Band Radio Doria, sein neues Album und gute Musik.

Du machst seit 2002 Musik mit Deiner Band Radio Doria. Ist Musik ein Hobby?
Nein, Musik ist für mich kein Hobby. Das war es aber auch von Anfang an nicht. Ich hätte damit gar nicht erst angefangen nur so nebenbei. Ich brauche keine Hobbys, weil ich aus dem, was ich am liebsten tue, meinen Beruf gemacht habe.

Was reizt Dich so sehr am Musikmachen?
Schon als Kind wollte ich gern Gitarre lernen und zwar nur deshalb, weil ich Lieder schreiben wollte. Ich wollte mich auf eine Art ausdrücken, die über Sprache hinausgeht. Außerdem war mir ab einem bestimmten Alter aufgefallen, dass die Jungs mit den Gitarren bei den Mädels besonders gute Karten hatten. (grinst)

Wie würdest Du Eure Musik beschreiben?
Popmusik mit deutschen Texten. Die Songs sind genauso, wie ich Musik mag. Sie haben eine gewisse Leichtigkeit, sie grooven, sie holen einen ab und nehmen einen mit. Dazu kommen Texte, bei denen es sich lohnt, zuzuhören. Ich würde kein Lied mit irgendeinem Pillepalle-Text auf die Platte lassen.

Ist es das, was gute Musik für Dich ausmacht?
Gute Musik entsteht nicht an einem Reißbrett, wird nicht aus Versatzstücken zusammengebastelt wie ein Fertighaus. Gute Musik ist die Schöpfung von Menschen mit Talent und Ahnung,
 mit Instrumenten hergestellt, die ebensolche Menschen bedient haben. Man hört am Ende der Musik an, ob sie aus einem echten Gefühl heraus entstanden ist oder nur aus zusammengeschraubten Trends.

Das, was man hört, finde ich erwähnenswert.

Was inspririert Dich zu neuen Liedern?
Die eine Quelle gibt es nicht. Es sind ganz verschiedene Dinge. Manchmal stolpert man über ein Wort und fängt an, über dieses Wort nachzudenken, und daraus ergibt sich eine ganze Welt und ein Zusammenhang, aus dem heraus ein Text entsteht. Dann ist es aber noch kein Lied, sondern nur ein Gedicht. Wenn es gut läuft, ist die Verbindung mit Musik sofort da. Meistens ist es aber umgekehrt. Du fängst an zu spielen und denkst, das ist aber ein schöner Übergang, das gefällt mir, da machen wir mal weiter. Und es ist oft so, dass sofort auch die Textzeile da ist. Der Ursprung ist letztendlich: Was findet man gerade wichtig? Was hält man für erwähnenswert? Und das, was man auf der Platte „2 Seiten“ hört, finde ich erwähnenswert.

Hast Du ein Beispiel?
„Wie es früher nie war“ ist ein Lied auf der Platte, da war zuerst der Satz da. Wann wird’s endlich wieder, wie's früher nie war? – Dieser Satz schoss mir plötzlich durch den Kopf, und ich habe mich gefragt, was der meint, und dann haben wir um ihn herum diesen Text geschrieben. Darüber, wie schnell die Zeit durchrauscht. Gerade hat man noch Indianer gespielt und schwups bist Du erwachsen und steckst in einem System aus Abhängigkeiten und Pflichterfüllung. Der zweite Schritt ist dann, dass man denkt, früher war alles besser. Früher hatte ich noch Zeit, die Musik war besser – aber wenn man ehrlich ist, stimmt das nicht. Man will also gar nicht, dass es so ist wie früher, sondern so wie man sich im Nachhinein wünscht, dass es früher war.

Apropos früher – was war Deine erste Platte, die Du Dir gekauft hast?
Das waren tatsächlich vier Langspielplatten mit mongolischen Kehlkopfgesängen. Das kann man heute nur noch unter dem Thema Pubertät abhaken. (lacht) Die Platte stand noch nicht einmal unter Musik. Die stand unter Wissenschaft und Technik oder so. Es war eine reine Dokumentation über die Art, wie in der Mongolei gesungen wird, wo noch Ober- und Untertöne mitschwingen. Die habe ich rauf und runter gehört. Meine Mutter ist bald wahnsinnig geworden, weil wir eine sehr kleine Wohnung hatten.

Und die letzte Platte, die Du Dir gekauft hast?
Die letzte richtige Vinyl war Beck mit „Morning Phase“. Schöne Platte. Ganz still und relaxt.

Euer Album heißt „2 Seiten“ – warum?

„2 Seiten“ ist ein Song auf dem Album. Im Wesentlichen beschäftigt er sich mit Sein und Schein. Es gibt ja dieses Sprichwort von den zwei Seiten einer Medaille. Darüber haben wir mal ein bisschen nachgedacht, und entdeckt, dass es auch noch eine dritte Seite gibt. Und zwar dieser kleine Rand zwischen den beiden Seiten. Und wenn man beide Seiten sehen will, dann muss man auf diesem schmalen Rand stehen und balancieren können.

Ist es einfacher oder schwerer, als bekannter Schauspieler Musik zu machen?
Schwerer! Erst mal kann natürlich jeder Mensch Musik machen, wie er will. Aber in dem Moment, wo Du es öffentlich machst und Leute zuschauen, kommt die Musikpolizei. Und bei der hast Du es ganz schwer.

Wieso?
Weil die durch und durch skeptisch sind, genau beäugen, was Du da tust, und natürlich sofort den Verdacht hegen, dass dies alles nur ein unlauterer Versuch ist, in fremden Gewässern zu fischen. Also die meisten Kritiker hat man erst mal gegen sich.

Nervt Dich das?
Da ich generell – auch in meinem Beruf als Schauspieler und jetzt auch als Musiker – mein Stirb und Werde überhaupt nicht abhängig mache von Kritikern und Kritiken oder dem, was jemand in der Zeitung schreibt, habe ich die Verletzungen gut überstanden.

Ist es schwer, das Boerne-Image als Musiker loszuwerden?

Ich denke da gar nicht drüber nach, wenn ich auf die Bühne gehe. Für mich bin ich sowieso einfach nur Jan. Ein Filmregisseur fragt sich wahrscheinlich: „Wenn ich mir jetzt für diese oder jene Rolle den Jan Josef hole, wie lange muss ich in meinem Film dann erst mal erklären, dass es kein Tatort ist und er hier nicht den Boerne macht.“

Wie gehst Du damit um?
Auch wenn wir nicht geahnt haben, dass der Münsteraner „Tatort“ so durch die Decke geht, dachte ich schon damals, dass es leicht zu einer Schublade werden könnte. Deswegen war meine Prävention als Strategie dagegen der Anzug, die Brille und natürlich der Bart. Das alles verändert schon stark und macht dafür andere Figuren eher möglich.

Und das hat funktioniert?
Das hat funktioniert. Ganz zu Anfang hat kaum einer gerafft, dass ich das bin da in dem neuen „Tatort“. Weil ich eben sehr anders aussah mit dem Bart und der Brille. Die Produzenten meinten damals: Das willst Du nicht wirklich durchziehen – da erkennt Dich doch keiner. Und ich hab’ gesagt: Das ist doch gerade gut! In der Zwischenzeit habe ich so viele komplett andere Rollen gespielt. Das ist vielen gar nicht bewusst. Also ist zum Glück nichts von dem passiert, was ich befürchtet habe.

Und Dein Publikum? Wollen die Leute Professor Boerne auf der Bühne sehen oder Jan Josef?
Es kommen immer noch viele Leute aus Neugier, die gar nicht wissen, was wir da eigentlich machen. Die fragen sich: Der ist doch Schauspieler, macht der nicht den „Tatort“? Wieso macht der jetzt Musik? Aber sie kommen dann zum Konzert und sind in der Regel (hält kurz inne, grinst) positiv überrascht und haben einen schönen Abend.

Sicher ein schönes Gefühl ...
Oh ja! Wenn ich mit meiner Band auf die Bühne gehe und da unten ist der Raum voll, dann weiß ich, die Leute sind gekommen, weil sie uns zuhören wollen. Dann ist die Welt in Ordnung. Wenn man überhaupt eine Legitimation braucht, um Musik zu machen, dann die, dass andere Dich gerne hören wollen.

Was möchtest Du mit Deiner Musik erreichen?
Ich möchte Menschen bewegen, sie glücklich machen. Mit Musik und Texten, die nicht nur erlauben, in die Länge und die Breite zu gucken, sondern auch in die Tiefe.

In Deinem Buch „Soundtrack meiner Kindheit“ schreibst Du, dass Du als Kind geglaubt hast, mehr durch Filme und Musik zu lernen als in der Schule. Würdest Du das heute auch noch unterschreiben?
Ja. Ich bin für Bildung und ich liebe schlaue Menschen und Leute, die viel wissen. Aber ich muss auch nicht alles wissen. Photosynthese oder Maximalflächenwertberechnungen haben in meinem Leben nie wieder eine Rolle gespielt. Aber viel wichtiger als das, was man lernt, ist, dass man überhaupt lernt zu lernen. Denn das Lernen hört nie auf im Leben. Und es ist wichtig, das Dazulernen selbst als Vergnügen zu empfinden und nicht als Qual. Es gibt nichts Tolleres, als lernfähig zu bleiben, und es gibt immer etwas dazuzulernen.

Würdest Du heute noch mal gern zur Schule gehen?
Nee. Man wird doch relativ unvorbereitet aufs Leben losgelassen, wenn man eine Schule besucht hat, jedenfalls in Deutschland. Wenn ich mir heute eine Schularbeit von meiner Tochter anschaue, dann sehe ich nur rote Striche. Es wird immer nur angestrichen, was falsch ist, wie ätzend ist das denn? Aber was gut ist, wird gar nicht erwähnt. Das machen andere Länder anders.

Ich habe das große Glück, genau das zu machen, was ich machen wollte.

Wie findet man den Weg zum richtigen Beruf?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist vielleicht eine gute Idee und das Ausprobieren auf jeden Fall wert. Denn nur wenn der existenzielle Druck weg ist, hat man die Freiheit zu überlegen, was man eigentlich will. Manchmal kommt man auch nur über Umwege zum Ziel.

Ist das, was Du machst, noch Beruf für Dich?
Ich habe das große Glück und empfinde es bis heute als Privileg, genau das zu machen, was ich machen wollte. Es ist aber schon deshalb ein Beruf, weil es eine Menge Arbeit ist und weil selbst ich auch nicht jeden Tag Lust habe, zu arbeiten.

Radio Doria – „2 Seiten“

Am 1. September erscheint das neue Album von Radio Doria.
 „2 Seiten“ ist nach „Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ (2014) bereits das zweite Album der Band. Besonders freut sich der Sänger Liefers über ein gemeinsames Stück mit Liedermacher Reinhard Mey, das auf dem Album zu hören ist. Einen Lieblingssong hat Liefers aber bisher nicht: „Ich mag alle Lieder auf der Platte. Jeder Song erzählt eine Geschichte.“ Erleben Sie Jan Josef Liefers und seine Band Radio Doria am 13. Oktober live
 auf dem Schützenplatz in Warburg. Sehen Sie Radio Doria live am 13. Oktober 2017 auf dem Schützenplatz Warburg und am 28. Oktober 2017 im Bergwerk Rammelsberg. (Änderungen vorbehalten)    

Dazu passende Artikel

ekb bildecke:fruehling 2017
Erleben Moritz Bleibtreu im Interview

Wir trafen den Schauspieler in Hamburg und sprachen über seinen neuen Film, die Sache mit der Freundschaft und vieles mehr.

Zum Artikel
dein bahnhof 02-17:yvonne catterfeld
Erleben Yvonne Catterfeld im Interview

Wir trafen die Sängerin und Schauspielerin in Berlin und sprachen mit ihr über ihr neues Album, ihren Imagewandel und Herausforderungen.

Zum Artikel