Willkommen in Tschechien

Wir besuchen Europas schönste Bahnhöfe. Dieses Mal waren wir im beeindruckenden Prager Hauptbahnhof, dem Praha hlavní nádraží.

Der Prager Hauptbahnhof hat in den vergangenen Jahren eine Verwandlung erlebt. Aus einem dunklen, fast zwielichtigen Ort wurde ein riesiger moderner Bahnhof, in dem das Reisen fast zur Nebensache wird.

Die Zugfahrt von Dresden nach Prag ist sehr kurzweilig. Dies ist nicht nur der Fahrtzeit von knapp zweieinhalb Stunden, sondern auch dem gemütlichen Bordrestaurant mit den eleganten runden Lampen auf den Tischen und tschechischen Spezialitäten auf der Karte zu verdanken. Zudem durchquert der Eurocity eine der imposantesten Landschaften Deutschlands: die Sächsische Schweiz. Der deutsche Teil des Elbsandsteingebirges beginnt nahe der Stadt Pirna und geht an der deutsch-tschechischen Grenze in die Böhmische Schweiz über. Die Zugstrecke folgt bis Ústí nad Labem direkt dem Lauf der Elbe und schlängelt sich vorbei an bizarren Felsenwelten und malerischen Ortschaften wie Bad Schandau.

Mehrmals täglich fährt der Eurocity vom Hauptbahnhof Dresden nach Prag. Vom Bahnhof Dresden-Neustadt fährt einmal pro Tag morgens um 7 Uhr ein Intercity nonstop in die tschechische Hauptstadt. Und seit April 2011 empfängt Prag seine Gäste mit einem Hauptbahnhof, der sich sehen lassen kann.

Wie alles begann

Ursprünglich wurde der Prager Hauptbahnhof 1871 als Kaiser-Franz-Joseph-Bahnhof eröffnet. Zwischen 1901 und 1909 wurden umfassende Umbaumaßnahmen und technische Erweiterungen vollzogen sowie die prächtige Empfangshalle im Jugendstil nach den Entwürfen des Architekten Josef Fanta gebaut. Die „Fanta-Halle“ wurde in den vergangenen Jahren saniert und rekonstruiert und stellt heute einen eindrucksvollen Kontrast zu dem neuen modernen Bahnhofsbereich dar. Am Rande der historischen Kuppel befinden sich die Wappen verschiedener europäischer Städte wie Berlin, Florenz, Wien, Rom und Warschau, welche die zu Beginn des 20. Jahrhunderts wichtigsten Zugverbindungen repräsentieren. Und schließlich wurde die historische Fassade des Bahnhofs erneuert, was den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende der jahrelangen Bauarbeiten markiert.

Heute heißt der Prager Hauptbahnhof offiziell Wodrow-Wilson-Station, woran eine Tafel in der Unterführung unter der Fanta-Halle mit dem Wilson-Zitat „The world must be made safe for democracy“ erinnert. Allerdings benutzt niemand diesen Namen, erzählt uns Martin Hamšík von Grandi Stazioni Česká republika, der Betreibergesellschaft des Bahnhofs. Stattdessen heißt der Bahnhof im Volksmund Praha hlavní nádraží, kurz Praha hl.n., also schlicht Hauptbahnhof. Seit 2006 wird der Bahnhof für etwa
 66 Millionen Euro grunderneuert. Und das sei bitternötig gewesen, so Hamšík, denn vor dem Umbau sei der Hauptbahnhof kaum ein Ort zum Wohlfühlen gewesen.

Der neue Hauptbahnhof

Heute wirkt der Bahnhof eher wie ein Shoppingcenter oder wie ein Flughafen. Dies ist vor allem der italienischen Gesellschaft Grandi Stazioni zu verdanken, die mit ihrer Erfahrung und ihrem Know-how für den Umbau verantwortlich ist. Grandi Stazioni betreibt in Italien die dreizehn größten Bahnhöfe, so in Rom, Venedig, Mailand oder Florenz. Vor diesem Hintergrund hat auch der Prager Hauptbahnhof sein neues Gesicht bekommen und verfügt heute über knapp 10.000 Quadratmeter Ladefläche für insgesamt 64 Shops.

Der Bahnhof ist ein Knotenpunkt für Reisende. Darauf sind alle Angebote und Services ausgerichtet.

Dabei steht allerdings nach wie vor das Reisen im Vordergrund, betont Grandi-Stazioni-Sprecher Hamšík. Bei mehr als 700 Zügen und etwa 80.000 Menschen, die hier täglich durchkommen, liegt das nahe. „Der Bahnhof ist ein Knotenpunkt für Reisende, an dem die Menschen etwa 30 bis 40 Minuten verbringen. Darauf sind alle Angebote und Services ausgerichtet“, erläutert er. Daher sei das Wichtigste, dass die Kunden sich sicher und wohlfühlen, dabei aber gleichzeitig schnell und einfach ihr Ticket kaufen sowie sich informieren können. Und laut Umfragen sind die Menschen hier sehr zufrieden mit dem Bahnhof, der hiesigen Sicherheit, Sauberkeit und Helligkeit. Und das exklusive Shoppingangebot an 365 Tagen im Jahr hat daran sicherlich ebenfalls seinen Anteil.

Dieser Bahnhof hat wirklich eine erstaunliche Entwicklung erlebt – und das merken wir jeden Tag.

Auch hier setzt man neben Barrierefreiheit durch zahlreiche Rolltreppen und Aufzüge, unkomplizierten Zugang zu allen Services oder dreisprachige Ansagen und Schilder auf Kultur. „Wir veranstalten hier im Bahnhof regelmäßig Konzerte zu Weihnachten, und sogar ein großes Rockkonzert hat es hier schon gegeben“, erzählt Martin Hamšík. Zudem finden regelmäßig Ausstellungen
 und allerlei Aktionen statt. Und schließlich erwartet Sie auch hier in Prag ein internationaler Bahnhofsklassiker: In der historischen Fanta-Halle steht ein Klavier, auf dem jedermann nach Lust und Laune spielen kann. Die Aktion heißt „Pianos on the street“ und hat seit 2013 etwa 30 Klaviere in Straßen und an öffentliche Orte in ganz Tschechien gebracht, um so den öffentlichen Raum zu beleben.

Ein historischer Spaziergang

Eine Belebung des Geburtsortes von Franz Kafka (1883 bis 1924) oder des „rasenden Reporters“ Egon Erwin Kisch (1885 bis 1948) scheint allerdings kaum nötig. Ein etwa fünfzehnminütiger Spaziergang führt den geneigten Besucher in die historische Altstadt der Metropole, die zu jeder Jahreszeit einen besonderen Reiz hat. Dementsprechend begrüßt Prag alljährlich Millionen von Touristen aus aller Welt – im Jahr 2014 besuchten erstmals mehr als sechs Millionen Menschen die tschechische Hauptstadt.

Diese Beliebtheit ist in den verwinkelten Gassen der Altstadt mit seinen gemütlichen Restaurants und bunten Läden oder auf dem Altstädter Ring, dem zentralen Markt, unübersehbar. Vor der Kulisse des Rathauses, des Jan-Hus-Denkmals sowie der eindrucksvollen gotischen und romanischen Prachtbauten ballen sich Kleinkunst aller Art und Straßenmusik aller Genres. Und nur zehn Minuten zu Fuß entfernt wartet ein weiteres Highlight: die Karlsbrücke mit Blick auf die Prager Burg. Die Karlsbrücke, über die einst der Krönungsweg der böhmischen Könige führte, ist die älteste erhaltene Brücke über die Moldau und eine der ältesten Steinbrücken Europas.

Schließlich bleibt nur noch zu empfehlen, in einem der urigen Restaurants tschechische Spezialitäten zu genießen. Und vergessen Sie nicht: Dazu sollten Sie tschechische Kronen im Geldbeutel haben, da man zwar vielerorts mit Euro bezahlen kann, die Preise sich aber zum Teil deutlich unterscheiden. Nach dem Ausflug nach Prag, bietet die Bahnfahrt Richtung Dresden und Berlin eine sanfte Rückkehr in den Alltag. Denn das internationale Publikum der beliebten Zugverbindung, die dreisprachigen Ansagen zu jeder einzelnen Station und die böhmischen Spezialitäten im Bordrestaurant verlängern den Städtetrip noch mindestens um die Zugfahrt vorbei an den steinernen Kunstwerken des Elbsandsteingebirges.

Dazu passende Artikel

dbh 03/16:paris gare de lest
Erleben Willkommen in Paris

Entdecken Sie in unserer neuen Serie Europas schönste Bahnhöfe. Den Anfang macht einer der größten Pariser Kopfbahnhöfe: der Gare de l’Est.

Zum Artikel